Ab 17.5. feiern wir wieder Gottesdienste. Die Details entnehmen Sie bitte unserem Gottesdienstplan.

Auf der Facebook-Seite finden Sie weiterhin die Gottesdienste der Vorwochen zum Nachsehen und Miterleben.

 

Die Predigten der letzten Wochen sind hier nachzulesen: 

 

Predigt vom 14. Juni

Predigttext: Apostelgeschichte 4,32-37

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!
Am 25. Mai 2020 trat der Afroamerikaner George Floyd in ein Lebensmittelgeschäft in Minneapolis, um sich eine Schachtel Zigaretten zu kaufen. Der 20 Dollar-Schein, mit dem er bezahlte, wurde im Laden für falsch gehalten. Ein Mitarbeiter rief daraufhin die Polizei an, wozu Geschäfte in Minnesota verpflichtet sind. George Floyd wurde daraufhin zur Untersuchung festge-nommen. Der weitere Verlauf der Tragödie, die ihn das Leben kostete und zu massiven Demonstrationen und Unruhen in den USA und am letzten Wochenende sogar weltweit geführt haben, ist aus den Medien hinlänglich bekannt.Und die Geschichte begann mit 20 Dollar, einem lächerlich geringen Betrag! Vielleicht hat sich der eine oder andere gefragt: Was wäre passiert, hätte ich anders gehandelt? Hätte ich die 20 Dollar einfach in die Kasse hineingeschoben, könnte sich der Händler fragen. Hätte ich den Mann bloß nicht festgehalten, mag womöglich der Polizist denken, der nun ein hartes Urteil fürchten muss. Es ging um 20 Dollar, eigentlich nur ein Stück Papier, wenn man so will. Es sind manchmal Kleinigkeiten, die Dinge verändern, zum Guten oder zum Bösen.

Als der Baptistenpastor und Bürgerrechtler Martin Luther King im Jahre 1963 in Washington vor hunderttausenden Menschen sprechen sollte, war er müde, er hielt sich zunächst ans Manuskript und sprach langsam. Dann rief ihm plötzlich die Gospelsängerin Mahalia Jackson zu: „Erzähle ihnen von dem Traum, Martin.“ – Martin Luther King legt sein Manuskript beiseite und erzählt, in Anspielung an Jesaja 40,4: „I have a dream.“ – „Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können. […] Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird. […] Ich habe einen Traum dass eines Tages genau dort in Alabama kleine schwarze Jungen und Mädchen die Hände schütteln mit kleinen weißen Jungen und Mädchen als Brüdern und Schwestern. Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt wird. Die rauen Orte werden geglättet und die unebenen Orte begradigt werden. Und die Herrlichkeit des Herrn wird offenbar werden, und alles Fleisch wird es sehen. Das ist unsere Hoffnung. Mit diesem Glauben kehre ich in den Süden zurück.“ Diese großartige Rede, die eigentlich eine Predigt ist, denn Martin Luther King war ja ein tiefgläubiger Christ, wird durch einen Zwischenruf angeregt. Die Liebe Jesu zu jedem Menschen spricht aus diesen Worten, und darum sind die Worte seinerzeit auf so fruchtbaren Boden gefallen. Gerade diese Liebe Jesu ist so wichtig in einer Zeit, in der so vieles auseinanderzustreben scheint!

Der heutige Predigttext lenkt unseren Blick auf eine winzige Gemeinde. Aber in dieser kleinen Gemeinde scheint das zeichenhaft da zu sein, was Martin Luther King in seinem Traum erblickt: Eine Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern. Drei Dinge sind mir wichtig geworden:

1. Die Gemeinde: „Ein Herz und eine Seele“
Lukas ist natürlich Realist genug, um zu wissen, dass es auch in der Urgemeinde Konflikte und Streit gab. Wenn man so will, zeichnet er eine ideale Gemeinde, und erwähnt wenige Sätze später, dass die Urgemeinde so ideal nun auch nicht ist. Es kommt dann zu dem Streit zwischen den griechisch sprechenden und den hebräisch sprechenden Witwen, weil die einen meinen, sie werden bei der Armenversorgung vergessen. Dann werden die sieben Diakone eingesetzt, die sich darum kümmern. Später gibt es dann den Konflikt, als Paulus die Heidenmission beginnt und auch Menschen aus anderen Völkern dazukommen. Aber immer ist der Gedanke leitend, dass diese Gemeinschaft, die aus so unterschiedlichen Menschen besteht, die wir Kirche nennen, eine Einheit ist. Eine Einheit, weil alle einen Herrn haben. „Ein Herz und eine Seele“. Das Kennzeichen dieser kleinen Gemeinde in Jerusalem war die Gütergemeinschaft. Menschen haben geteilt. Es fällt mir immer auf, wie viele Leute in unserer Gemeinde gerne geben und gerne auch ihre Gaben einbringen.

„Auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären“. Das ist auf den ersten Blick materiell gemeint, aber eigentlich umfassen die Güter noch mehr: Das was, wir sind und haben, können wir für die anderen einbringen: Die Gabe unserer Musiker dient nicht allein der eigenen Erbauung, sondern wir freuen uns daran mit und stimmen darin ein. Diejenigen, die sich verdient gemacht haben im Garten vor dem Büro, am Blumenschmuck, beim Kirchkaffee, in der Instandhaltung unserer Kirchen, die haben es mit Herzblut getan für alle anderen. Diejenigen, die in der Leitung beraten, im Büro arbeiten, tun es für die Gemeinde! Unsere Gaben und Fähigkeiten sind Güter, die wir nicht für uns, sondern für die Gemeinschaft haben. Das entlastet zugleich: Niemand unter uns muss alles können oder alles wissen, dazu haben wir die Geschwister, dass wir uns gegenseitig tragen und stützen. Damit das geschehen kann, muss Gemeinde Jesu immer auch überschaubar bleiben. In der Masse wird der Mensch schnell einsam.

2. Im Mittelpunkt: Die Botschaft vom auferstandenen Christus.
Es ist sicher kein Zufall, dass Lukas bei der Beschreibung der Urgemeinde erwähnt, was letztlich jene Menschen dazu bringt, ein Herz und eine Seele zu sein: Es ist die Botschaft von Jesus Christus, welche die Menschen in Jerusalem verbindet. Und zwar besonders die Botschaft des auferstandenen Christus. Es ist ja diese Begegnung gewesen, die letztlich dazu führt, dass die Gemeinde entsteht. Es ist die Erfahrung: Jesus ist ja nicht weg, er ist da, er lebt, er ist in unserer Gemeinde. Und es ist die Erfahrung von Vergebung, welche für die Jünger so prägend ist. Jesus selbst sorgt dafür, dass die Menschen in der Gemeinde beieinanderbleiben und zusammenhalten. Schon die Jüngerschar war ja höchst unterschiedlich: der zweifelnde Thomas, der impulsive Petrus, der ehemalige Zöllner Matthäus, die Fischer aus Galiläa, dazu die Frauen mit ihrer je eigenen Lebensge-schichte. Und seit Pfingsten kommen ja die unterschiedlichen Sprachgruppen noch mit hinzu! Die Urgemeinde war ein bunter Haufen, aber doch eins im Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn!

3. „Salz in der Suppe“: Menschen, die Jesus beim Wort nehmen
In der allgemeinen Darstellung der Urgemeinde hebt Lukas eine einzelne Person namentlich hervor. Er erwähnt, dass Josef, genannt Barnabas, einen Acker verkauft und das Geld dafür den Aposteln für die Gemeinde zur Verfügung stellt. Wir wissen nicht, wie Barnabas dazu kam, aber wir wissen aus der Apostelgeschichte, welch wichtige Rolle dieser Barnabas spielen sollte: Barnabas wird von den Jerusalemer Aposteln nach Antiochia in Syrien gesandt; dort entstand die erste heidenchristliche Gemeinde, dort werden die Anhänger des neuen Glaubens erstmalig „Christen“ genannt (Apg 11,26). Diese Gemeinde wird dann später Barnabas zusammen mit Paulus zur ersten Missionsreise aussenden.
Obwohl er sicher nicht zu den führenden Personen in Jerusalem gehört, wird Barnabas doch für die Verbreitung des christlichen Glaubens ganz wichtig. Er gehört zu jenen Men-schen, denen wir es verdanken, dass das Evangelium zu uns nach Europa gekommen ist! – Jede Gemeinde hat solche – im positiven Sinne – „verrückten“ Menschen, die Jesus beim Wort nehmen, uns dadurch entsteht etwas Großartiges. Hätte Barnabas seinen Acker behalten, wäre er wohl in Jerusalem geblieben. Immer wieder hat es Menschen gegeben, die Jesus beim Wort genommen haben, und daraus ist etwas Großes entstanden. So hat etwas Friedrich von Bodelschwingh aufgrund des Wortes Jesu: „Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts umkomme“ (Joh 6,12), seine „Brockensammlung“ begonnen: In den Gemeinde Westfalens wurden alte Kleider eingesammelt, die von den Behinderten in den Anstalten verarbeitet wurden, und an die Notleidenden weiterverteilt wurden. So kamen Menschen in Arbeit und Brot. Es sind diese kleinen Anfänge, die manchmal große Wirkung haben! Lasst uns so miteinander Gemeinde sein, in dem Wissen, dass Jesus mit seiner Liebe unter uns ist.

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Jesus selbst mit seiner Liebe derjenige ist, den unsere zerrissene Welt am nötigsten braucht. Lasst uns das als Gemeinde leben und in die Welt hinaustragen!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

 


 

Predigt zu Trinitatis (7. Juni) in Peggau

Predigttext: 4. Mose 6,22-27

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!
Das Trinitatisfest ist der Sonntag, an dem wir Gott um seiner selbst willen loben. Anders als die großen Feste Weihnachten, Ostern und Pfingsten ist es noch ein recht junges Fest. Die großen Kirchenfeste haben ja ihren Ursprung in der Geschichte Jesu Christi. Das Trinitatisfest kennt nur die abendländische Kirche. Erst im 12. Jahrhundert wurde es Sitte – ursprünglich wohl in benediktinischen Klöstern – den Sonntag nach Pfingsten als eigenes Fest zu Ehren des Dreieinigen Gottes zu begehen. Anders als bei den Hauptfesten haben wir die Schwierigkeit, dass wir keine Geschichte dazu erzählen können. Weihnachten ist Jesus geboren, an Ostern ist er von den Toten auferstanden, und an Pfingsten hat er uns seinen Heiligen Geist gesandt und so die Kirche ins Leben gerufen. Aber was feiern wir an Trinitatis? – Vielleicht könnte man es so sagen: An diesem Tag freuen wir uns einfach an Gott, der so ist wie er ist. Wir staunen darüber, dass er viel größer ist als das, was wir von ihm erfassen können. Wenn wir recht darüber nachdenken, dann ist die kirchliche Lehre von der Dreieinigkeit Gottes überhaupt nichts trockenes; dass wir vom dreieinigen Gott reden, ist übrigens keine Erfindung der Kirche; vielmehr gibt wurde diese Lehre in der Alten Kirche so formuliert, weil Gott uns so begegnet. Schon in der Bibel begegnet uns Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Der eine Gott ist in sich selbst so reich, so voller Liebe, dass er eigentlich uns Menschen gar nicht braucht. Er käme auch ohne die Welt und uns Menschen gut aus. Er ist in sich selbst reiche Beziehung. Und doch drängt es Gott nach einem menschlichen Gegenüber! Aus reiner Liebe erschafft er die Welt und uns Menschen, und auch da, wo wir ihn ablehnen, geht er uns voll Hingabe nach, erlöst uns durch Tod und Auferstehung Jesu und erinnert uns an diese überwältigende Liebe immer wieder neu durch seinen Geist. Das Geheimnis der Dreieinigkeit will uns keinen Knoten in den Kopf machen, sondern lädt uns ein, über unseren Gott zu staunen. Und das führt uns letztlich zur Anbetung. Philipp Melanchthon, der große Gelehrte und Freund Martin Luthers hat dann auch treffend im Blick auf die Dreieinigkeit gesagt: „Die Geheimnisse der Gottheit sind besser anzubeten als zu erforschen.“

Das heutige Predigtwort hat den Vorteil, dass es keine theologische Abhandlung über die Dreieinigkeit Gottes ist, sondern ungemein praktisch. Es geht um den Segen. Es ist geradezu ein Wesensmerkmal Gottes, dass er Menschen segnet. Schon in der Schöpfungsgeschichte wird gesagt, dass Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat und sie segnet (Gen 1,28). Von Jesus wissen wir, dass er gerne Menschen gesegnet hat. Besonders schön ist jene Geschichte, als er seine Hände segnend auf die Wuschelköpfe der Kinder legt (Mk 10,16). Das letzte sichtbare Bild, das Menschen vom auferstandenen Christus hatten, sind seine zum Segen erhobenen Hände: „Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel“ (Lk 24,51). Und schließlich sind wir Christen aufgefordert, auch andere Menschen zu segnen: „Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt“ (1 Petr 3,9). Dazu befähigt uns letztlich der Heilige Geist. Man könnte durchaus sagen: Es ist eine besondere Vorliebe Gottes, Menschen zu segnen und zum Segen zu ermutigen. Und alle drei Personen der heiligen Dreieinigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist, sind auf ihre Weise am Segen beteiligt!

Der Auftrag, Menschen zu segnen, ist uralt. Einer der ältesten Segenstexte ist der aaronitische Segen, unter den wir uns an jedem Sonntag am Ende des Gottesdienstes stellen. Dieser alte Segen hat – wie könnte es anders sein! – drei Teile. Umfragen haben ergeben, dass der Segen für viele Menschen zu den wichtigsten Elementen des Gottesdienstes gehört. Mir hat das kürzlich wieder jemand nach dem Gottesdienst gesagt: „Mir ist der Segen so wichtig!“ Pfarrer Axel Kühner erzählt von einem alten Mann, der vollkommen taub ist. Aber er geht jeden Sonntag zum Gottesdienst. Als ihn jemand fragt, warum er in die Kirche geht, obwohl er kein Wort versteht, antwortet er: „Der Segen!“ (A. Kühner, Überlebensgeschichten, 62).

1. Von Gott gezeichnet
„Der Herr segne dich und behüte dich“ – So lautert die erste Bitte des aaronitischen Segens (Num 6,24). Unser deutsches Wort „Segen“ ist eigentlich ein Lehnwort; es kommt vom lateinischen „signare“ („einzeichnen, einprägen“), was aber dann im Mittelalter die Bedeutung erhält: „mit dem Zeichen des Kreuzes versehen“. Jemanden segnen bedeutet also: ihn mit dem Zeichen des Kreuzes versehen! Von Anfang der Kirche an hat man die Segensgeste, das Erheben der Hände, darum mit dem Kreuzzeichen verbunden, und so deutlich gemacht: Es ist der Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat, dessen Segen nun auf uns ruht. In der Anweisung an die Priester wird schon im Alten Testament deutlich gemacht, was der Segen bedeutet. „Ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne“ (Num 6,27). Beim Segen wird also der Name Gottes auf den Menschen gelegt. Der Name Gottes, den der fromme Jude niemals ausspricht, wird mit dem Wort Kyrios, „Herr“ umschrieben.
Für die junge Christengemeinde ist Jesus der Kyrios, der Herr. Somit wird sein Name auf uns gelegt, wenn wir am Ende des Gottesdienstes den Segen empfangen. Wir empfangen den Segen persönlich, denn es heißt: „Der Herr segne dich“. Durch den Segen macht Gott deutlich: Ich gehe mit dir persönlich in deinen Alltag. Ich lege meinen Namen auf dich; ich schreibe das Kreuzeichen auf dich, um dir deutlich zu machen, dass der gekreuzigte Christus mitgeht in die neue Woche. Jeder Augenblick, auch wenn es mir gar nicht bewusst ist, ist davon geprägt, dass Christus für mich gestorben ist. Das ist einfach die Wirklichkeit, in der ich stehe, auch wenn ich den Gottesdienst nun verlasse. Gott schreibt seinen Namen auf uns.

2. Von Gott angesehen
„Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig“ (Num 6,25). Das ist ein sehr sprechender, bildhafter Ausdruck: Gott wendet mir sein Angesicht zu, das wie die Sonne wärmend leuchtet und freundlich strahlt. Man vermutet, dass hinter dieser Formulierung auch das Bild des Kleinkindes steckt, das durch den Blick auf das Angesicht der Mutter gestärkt wird. „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.“ Es gehört zu den großartigsten Worten Jesu, dass er uns das Vaterherz Gottes nahegebracht hat und uns im Vaterunser ermutigt, den ewigen Gott in der persönlichsten Weise anzureden: „Vater unser im Himmel…“ Wir sind von Gott angesehen; das wird im Segen deutlich.

3. In Gottes Frieden
Die letzte Segensbitte des aaronitischen Segens ist die Bitte um Frieden: „Der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden“ (Num 6,26). Das hebräische Wort für Frieden ist Schalom. Schalom ist ein sehr gefülltes Wort; unser Wort „Friede“ ist nur eine unzulängliche Übersetzung. Schalom meint den Frieden, der sich durch ungetrübte Beziehung zum anderen Menschen, und durch die Beziehung zu Gott darstellt. Man könnte das Wort vielfach auch mit „Heil“ wiedergeben. Schalom ist im Grunde der paradiesische Zustand, mit dem der Mensch mit Gott und Welt in Einklang legt. Schalom ist das, was wir mit dem Kommen Christi erwarten. Wenn Jesus unter die Jünger tritt und sagt: „Friede sei mit euch“, dann wird deutlich: Jetzt tritt Jesus heilvoll unter die Seinen. Der Segen spannt so den Bogen bis hin zur endgültigen Christusbegegnung, er stärkt uns, gibt Frieden und weckt das Verlangen, diesem wunderbaren dreieinigen Gott zu begegnen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.-------------------------------------------------------------------------

 

 


Predigt zu Pfingsten (31. Mai) in Peggau (via Video auf unserer Facebookseite)

Predigttext: Apostelgeschichte 2,1-21

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!

Es ist viele Jahre her, dass ich Zeuge eines interessanten Naturschauspiels wurde. Mit Studienfreunden verbrachte ich einige Tage in den Alpen zum Skifahren. Wir hatten herrlichen, frischen Schnee. Eines Morgens hatte derselbe Schnee eine eigenartige braune Färbung. Was war geschehen? Wir haben uns natürlich kundig gemacht, und es stellte sich heraus: Von Zeit zu Zeit treibt ein starker Wind Sand aus der Sahara über Tausende von Kilometern bis in die Alpen hinein. Man merkt den feinen Sand sonst nicht, wenn man nicht auf dem weißen Grund die deutliche Färbung erkennen könnte. Dieses Naturschauspiel ist ein schönes Bild für die Pfingstgeschichte.

Wir haben ja mit Pfingsten ein Geschehen vor uns, dass wir – anders als Weihnachten und Ostern – so schwer fassen und greifen können. Das Kind in der Krippe können wir sehen, die Begegnung des Auferstandenen mit seinen Jüngern können wir uns vorstellen – aber was ist mit dem Geist Gottes, der sowohl unseren Blicken als auch unserer Vorstellung entzogen ist?! Das Naturschauspiel aus den Alpen macht deutlich: Es gibt gewaltige Bewegungen wie den Sand aus der Sahara, den wir kaum wahrnehmen können, aber doch eine mächtige Wirklichkeit darstellt. Und so wird uns auch in der Pfingstgeschichte das machtvolle Wirken Gottes erzählt. Das Kommen des Geistes ist eine Demonstration der Gegenwart Gottes – aber eben nicht sichtbar. In der Pfingstgeschichte er-eignet sich das Wirken des Geistes in drei Räumen. Diese Räume möchte ich mit Ihnen heute Morgen abschreiten.

Das Haus.

Die Pfingstgeschichte beginnt in einem Haus. Es könnte sein, dass es sich bei diesem Haus um das sog. „Obergemach“ handelt, von dem die Evangelien berichten, und wo die Jünger bereits mit Jesus das heilige Abendmahl gefeiert haben. Es ist also ein Ort, der für die Jünger eine ganz besondere Bedeutung hat. Hier haben sie Jesus erlebt, die Bedeutung seiner Hingabe erfahren. Hier hatten sie sozusagen „Heimat“ in Jerusalem und warteten auf das Kommen des Geistes.

Die Pfingstgeschichte beginnt in einem Haus. Wie oft ereig-net sich das in der Geschichte Gottes mit uns Menschen! Gott begegnet uns nicht zuerst auf den großen Plätzen dieser Welt. Er tritt nicht sogleich mit Machttaten auf – auch wenn Er dies ganz gewiss könnte. Gott begegnet uns an dem Ort, an dem wir stehen. Er sendet seinen Geist in das „Haus“. Das Haus ist ein Ort, der für andere eben nicht sofort einsichtig und offen ist. Aber so ist es oft im Leben. Gott begegnet mir im Alltag, durch Menschen, die mir seine Liebe zusagen, in Situation, in denen er sich in Erinnerung ruft, oder bewahrend und helfend eingreift. Manchmal ist es uns gar nicht bewusst, dass wir in Berührung mit dem Geist Gottes gekommen sind – so wie ja auch der Saharasand in den Alpen nur dann zu bemerken ist, wenn er sich auf dem Schnee niederschlägt.

Gleichwohl ist das Kommen von Gottes Geist eine gewaltige Bewegung. Lukas versucht uns, diese Bewegung mit Bildern zu schildern: Ein „Brausen vom Himmel“ erfüllt das ganze Haus (Apg 2,2). „Es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer, und er setzte sich auf einen jeden von ihnen“ (Apg 2,3). Wenn wir aufgrund dieser Schilderung die Pfingstgeschichte malen sollten, hätten wir Schwierigkeiten. Die Gabe des Geistes ist ein Ereignis, das unsere Vorstellung übersteigt. Aber die Wirkung des Geistes Gottes ist deutlich. Alle werden „erfüllt“ vom heiligen Geist. Gottes Geist ist und bleibt unsichtbar – aber seine Wirkungen sind deutlich. Ich bin überzeugt davon, dass fast jeder von uns von Wirkungen des heiligen Geistes erzählen könnte - auch wenn sich manch einer vielleicht gar nicht dessen bewusst ist. Wie ist das beispielsweise mit den sog. Zufällen? – Da begeg-net mir ein Mensch, es kommt zu einen Gespräch, vielleicht nur ein Worte, und im Nachhinein stellt sich heraus, dass diese Worte für den anderen oder für mich ganz wichtig gewesen sind, weil sie glaubensstärkend waren. Ich glaube, dass mir sehr oft Menschen begegnet sind, die Gott ausgerechnet an jenen Platz gestellt hatte, ohne dass sie es wussten. Plötzlich spricht mich ein Bibelwort so an, dass es mich durch den Tag trägt und weiterhilft. Oder was ist mit den Kindern? Was geschieht, wenn diese ganz Kleinen die Hände falten und vor dem Schlafengehen gesegnet werden? Wir können von außen nicht ins Herz sehen, aber dem Wirken des Geistes Gottes sind dort keine Grenzen gesetzt.

In Jerusalem.

   In der Pfingstgeschichte weitet sich jetzt der Blick vom Haus der Jünger auf die Menschen in der Stadt. Sehr feinfühlig wird von Lukas geschildert, was sich draußen ereignet: „Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen, und wurde bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden“ (Apg 2,6). Es geht aus dieser Schilderung nicht genau hervor, ob die Menge auch das Brausen gehört hat. Sie sind bestürzt, als sie die Jünger in ihrer eigenen Sprache reden hören. Das Pfingstwunder ist äußerlich ein Sprachenwunder. Die Menschen können auf einmal verstehen, was von Jesus gesagt wird.

Wir können uns das historisch sehr gut deutlich machen. Die Menschen, die zu Pfingsten in Jerusalem sind, sind Festpilger. Zur jener Zeit war die jüdische Gemeinde schon weit verstreut über den Mittelmeerraum. Aus aller Herren Ländern kamen sie zu den Festen nach Jerusalem. Und dabei brachten sie natürlich auch die Sprachen ihrer Länder mit. Vermutlich erging es ihnen so, wie im letzten Jahrhundert vielen europäischen Juden: Zuhause sprach man deutsch, französisch, jiddisch – und nur noch im Gottesdienst wurde das alte Hebräisch gepflegt. Und jetzt hören sie auf einmal: Da wird von Christus in unserer Muttersprache geredet. Wir können uns kaum vorstellen, was für ein emotionales Moment damit verbunden ist. Gott spricht meine Sprache! Er redet so, dass ich ihn verstehen kann. Gott spricht keine heilige Theologensprache, sondern er spricht durch Menschen, die meine Alltagssprache teilen!

Ich habe seinerzeit als Vikar in Ungarn meine Ungarn-deutschen gefragt, was Ihnen der Gottesdienst in deutscher Sprache bedeutet, denn sie konnten ja alle auch Ungarisch! Eine Frau sagte mir: „Da fühle ich mich Gott näher; das ist doch meine Muttersprache“. So müssen wir uns die Situation der Pfingst-gemeinde vorstellen. Indem Gottes Geist die Jünger befähigt, in anderen Sprachen von Christus zu reden, pflanzt er in den Menschen die Botschaft: Gott ist euch nahe. Er spricht eure Sprache. Er kennt euren Alltag. Er ist brennend an eurem Leben interessiert. Er ist euch in Jesus Christus so nahe gekommen, dass Er einer von euch geworden ist.

Das Sprachenwunder macht zugleich deutlich: Es geht im Glauben nicht einfach um Gefühle oder fromme Worte – so sehr Gefühl und fromme Worte auch wichtig sein können. Gott spricht unsere Sprache, weil er möchte, dass wir ihn verstehen. Aus diesem Grund wird die Pfingstgeschichte fortgeschrieben. Viele Menschen sind daran beteiligt, die Bibel in unbekannte Sprachen zu übersetzen. Das ist eine enorme Fleißarbeit. Wörterbücher müssen erstellt, die Kultur des jeweiligen Landes muss erforscht werden, um ein Gespür dafür zu finden, welche Worte den Sinn des Bibelwortes am besten wiedergeben. Das alles geschieht, damit Menschen Jesus verstehen. Und alles Verstehen soll einmünden in das Einverständnis: Ja, so viel hat Gott durch Jesus für mich getan. Ihm will ich gehören!

Dass das nicht zwangsläufig so ist, zeigt die Pfingstgeschichte auch. Alle hören die Jünger in ihrer Muttersprache reden. Aber einige ziehen einen anderen Schluss daraus: „Sie sind voll von süßem Wein“ (Apg 2,13). Auch das geschieht: Die Botschaft von Christus wird gesagt, und die Zeugen werden für verrückt erklärt. Es gibt Ergriffene, und es gibt Menschen, die nichts von Gott gemerkt haben.

Das Wort des Petrus.

Das ist der dritte Ort, in dem sich das Wirken des Geistes Gottes ereignet. Die Spötter werden nicht einfach abgeschrieben. Die ganze Menschenmenge soll erfahren, dass sich hier etwas ereignet hat, dass geradezu weltgeschichtliche Bedeu-tung hat. Petrus zitiert das alte Wort aus dem Joelbuch, nach dem Gottes Geist „auf alles Fleisch“, also auf alle Menschen aus-gegossen werden soll. Pfingsten ist also der Tag, den Grenzen durchbrochen werden. Bis dahin hat Gott seinen Geist immer nur einzelnen zur Verfügung gestellt. Durch Jesus steht jedem die Tür offen. Das ist jetzt Wirklichkeit. Die Frage, ob jemand zu Gott kommen kann, ist nicht abhängig von bestimmten Voraus-setzungen. Keiner ist ausgeschlossen. Einziges Merkmal des Christen ist die Gabe des heiligen Geistes. „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder“ (Röm 8,14), sagt Paulus. Und: „Niemand kann Jesus den Herrn nennen außer durch den heiligen Geist“ (1 Kor 12,3). Wer das sagen kann und lebt: Jesus ist mein Herr!, der ist zutiefst durchdrungen vom heiligen Geist, der lebt von Pfingsten her.

Als wir am nächsten Morgen wieder Ski fuhren, hatte es ge-schneit. Die braune Färbung war verschwunden. Ich vermute einmal: Im Sommer, wenn kein Schnee liegt, wird man den Saharasand in den Alpen wohl kaum bemerken. Aber das bedeutet nicht, dass nicht immer von Süden feine Sandkörner in die Berge geweht werden. Im Winter kann es ab und zu be-obachtet werden. So verhält es sich mit Gottes Geist. Er wirkt fortwährend in denen, die Jesus lieben. Oftmals spüren wir sein Wirken nicht. Aber fortwährend ergießt sich sein Lebensstrom in unseren Alltag. Manchmal, an besonderen Tagen, lässt Gott uns sein Wirken erkennen, damit wir dankbar werden und ihm die Ehre geben!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahrt eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

 


 

Predigt zu Exaudi (24. Mai) in Peggau (via Video auf unserer Facebookseite)

Predigttext: Jeremia 31,31-34

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!

Der Sonntag Exaudi zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten ist ein eigentümlicher Tag: Mit der Himmelfahrt endet die sichtbare Gemeinschaft mit Jesus. Er ist nun unseren Blicken entzogen. Andererseits steht Pfingsten noch aus; im Evangelium kündigt Jesus den Jüngern ja das Kommen seines Geistes an. Wir sind an diesem Sonntag eine wartende Gemeinde. Ja, wir kommen von der Auferstehung Jesu her, aber manchmal ist davon so wenig greifbar. Der Sonntag Exaudi ist irgendwie dazwischen – und fügt sich damit im Grunde ganz gut ein in das Lebensgefühl, das uns jetzt prägt: Wir können wieder Gottes-dienst feiern – aber es fehlt noch an manchen Dingen, die für uns zur Gemeinschaft als Christen dazugehört: Wir können noch keine Hände schütteln, wir können noch nicht aus vollem Herzen die Lieder singen und es fehlt die gemeinsame Feier des Abendmahls.

Umso schöner sind alten Worte, die Jeremia an das Volk Gottes richtet. Sie stammen aus der schweren Zeit kurz vor dem Fall Jerusalems. Die Menschen mussten glauben: Jetzt ist es vorbei; die Geschichte Gottes mit unserem Volk ist zu Ende. Das Gericht, das Jeremia ja zu seinem Leidwesen ankündigen mussten, tritt ein. In dieser Situation soll er ein neues Gotteswort sagen. Und dieses neue Gotteswort ist anders; man hat den Eindruck: Gott öffnet jetzt sein innerstes Wesen, es treibt ihn eine Sehnsucht nach uns Menschen. Gott spricht davon, wie er aufs Neue mit uns Menschen eine Beziehung aufbauen wird. Gott nennt es den „neuen Bund“. Drei Merkmale zeichnen diese neue Gottesbeziehung aus:

  1. Das Handeln aus freien Stücken.

Die Gottesgemeinschaft besteht darin, dass Menschen aus freien Stücken Taten der Liebe vollbringen. Was das bedeutet, erfassen wir erst, wenn wir auf den Menschen schauen, dem Gottes Gebot gilt. Gottes Wille findet sich ja zusammengefasst in der Tora, die wir in Kurzform beispielsweise in den Zehn Geboten greifen können. Gottes Wille ist bekannt; und die Tora ist Gottes Weisung, die gelebt und getan werden will. Doch davon kann im Blick auf uns Menschen keine Rede sein. Es ist „ein Bund, den sie nicht gehalten haben“ (Jer 31,32). Der Bruch des Willens Gottes geht durch die ganze Geschichte von uns Menschen – bis zum heutigen Tag. Wir müssen nur die Zeitung aufschlagen um festzustellen, dass Menschen mit Gottes Geboten in Konflikt kommen. Und das ist nach biblischer Auffas-sung kein unerklärlicher Betriebsunfall, sondern reicht bis tief in das menschliche Herz. Das Jeremiabuch ist diesbezüglich von einer erstaunlichen Nüchternheit. Wir sagen: Bei besseren Verhältnissen könnte der Mensch vielleicht auf den rechten Weg kommen. Jeremia sagt hingegen: „Und wenn du dich auch mit Lauge wüschest und nähmest viel Seife dazu, so bleibt doch der Schmutz deiner Schuld vor mir, spricht Gott der Herr“ (Jer 2,22). Mit einem kräftigen Bild fragt Jeremia: „Kann etwa ein Mohr seine Haut wandeln oder ein Panther seine Flecken? So wenig könnt ihr Gutes tun, die ihr an das Böse gewöhnt seid“ (Jer 13,23).

Ein Mensch, der im Sinne dieses Wortes vor Gott lebt, müsste somit ein neuer Mensch sein. In diesem Sinne handeln, kann niemand aus eigener Kraft. Und so lautet die Verheißung Gottes: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben“ (Jer 31,33). Man könnte also sagen: Um wirklich Gottes willen zu tun, muss Gott selbst in meinem Herzen wirken. Das ist das Handeln aus freien Stücken! Ein Leben und Handeln, nicht weil es Gebote und Regeln von uns fordern, sondern weil es aus der Gottesbeziehung erwächst! H.-J. Eckstein hat das einmal wunderbar auf den Punkt gebracht:

Wenn ich nicht mehr unter dem Gesetz bin, sondern unter der Gnade, kann ich endlich tun und lassen – was Christus will.

  1. Die Lebensgemeinschaft mit Gott.Der zweite Gedanke lautet: Der einzelne Mensch wird mich persönlich erkennen. Erkennen ist ja im biblischen Sinne immer ein Vorgang, der das liebende, ganze Erkennen des anderen einschließt. Ich erkenne den, den ich liebe. In der Naturwissen-schaft begreifen wir Erkennen zumeist als einen Vorgang, in dem ich einen neutralen Standpunkt außerhalb einnehme. Wenn wir die Gemeinschaft mit Gott mit einer Ehe vergleichen, dann ist klar: Ein Ehemann kann zu seiner Ehefrau keinen neutralen Standpunkt einnehmen. Denn er sieht sie ja mit Liebe an, hat Gemeinschaft mit ihr. Übertragen auf Gott bedeutet das „Erkennen“ schlicht: Mit ihm leben!
  2. Das ist übrigens auch der Grund, warum es so gut und wichtig ist, trotz aller Einschränkung wieder hier zusammen in der Kirche Gottesdienst zu feiern. Ich habe die Schulkinder gefragt, wie sie an Ostern den Gottesdienst im Fernsehen oder Internet erlebt haben. Ein kleiner Junge aus der ersten Klasse hat geantwortet: „Da habe ich Gott nicht so gespürt.“ Offenbar vermisste der Kleine die direkte Begegnung mit Gott, die in der Gemeinschaft der Christen erfahrbar war. Nun verspricht Gott die persönliche Begegnung: „Sie sollen mich alle erkennen, beide, groß und klein“ (Jer 31,34). Gott kommt nahe, wie nie zuvor! Damit das möglich wird, braucht es ein Drittes:
  3. Mit zwei Gedanken umschreibt Gott, wie die neue Lebens-gemeinschaft mit ihm aussieht: Zunächst heißt es: „sie sollen mein Volk sein und ich werde ihr Gott sein“ (Jer 31,33b). Diese Formulierung, treffen wir im Alten Testament häufiger an. Gemeint ist damit, dass Gott eine ganz exklusive Beziehung zu den Seinen pflegt, wie in einer Ehe; es ist kein Zufall, dass Gott im Alten Testament seine Liebe zu seinem Volk mit der Liebe eines Mannes zu seiner Frau vergleicht. Damit wird im Grunde das erste Gebot angesprochen: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ (Ex 20,2). Das ist ja das Gebot, an dem wir als Menschen immer wieder scheitern. Doch nun soll es Wirklichkeit werden: Du bist mein Volk, ich bin dein Gott. Wir leben miteinander in Gemeinschaft.
  1. Neues Leben durch Vergebung.Es ist kein Zufall, dass Jesus am Vorabend seines Todes, als er den Jüngern Brot und Wein austeilt, auf den neuen Bund von Jer 31,31-34 zu sprechen kommt. Er sagt: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird“ (Lk 22,20) „zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,28). Mit der Hingabe seines Lebens hat Jesus den neuen Bund Gottes aufgerichtet. Seine Lebenshingabe schenkt uns neues Leben durch Ver-gebung. Seine Lebenshingabe führt uns zutiefst in die Lebens-gemeinschaft mit dem heiligen Gott und seine Lebenshingabe macht uns zu freien Menschen, die aus der Liebe Christi handeln und leben!
  2. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahrt eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.
  3. Gott sagt: „Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken“ (Jer 31,34). Ein aufregender Gedanke: Gott ist vergesslich! Gott ist in der Lage, Sünde zu „vergessen“. Was uns so schwer fällt, auch wenn wir von Herzen vergeben, das vermag Gott: Er vergisst! – Was das bedeutet, hat der Evangelist Moody einmal in einer sprechenden Szene festgehalten: Petrus fragt Jesus: „Herr, sollen wir wirklich allen Menschen das Evangelium predigen, auch den Sündern, die dich gemartert haben?“ „Ja, Petrus“, antwortete der Herr, bietet es denen zuerst an. Macht euch auf die Suche nach jenem Mann, der mir ins Gesicht gespuckt hat. Sagt ihm, dass ich ihm vergebe! Sucht den Mann, der mir die Dornenkrone auf die Stirn gedrückt hat. Sagt ihm, dass ich in meinem Reich eine Krone für ihn bereithalte, wenn er das Heil annehmen will. Sucht auch den, der mir mit der Hand ins Gesicht geschlagen hat. Sagt ihm, dass mein Blut rein macht von allen Sünden und dass es auch für ihn vergossen wurde. Zuletzt sucht den Soldaten, der mir den Speer in die Seite stieß und sagt ihm, dass es einen näheren Weg zu meinem Herzen gibt als diesen.

 

Predigt zu Rogate (17. Mai) in Peggau (via Video auf unserer Facebookseite)

Predigttext: Matthäus 6,6

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!

In einer Karikatur sieht man zwei Figuren an einem Globus. Der eine ist wie ein Teufel dargestellt und sagt triumphierend: „Mit Corona habe ich deine Kirchen zugeschlossen“. Der andere, ein freundlicher Mann mit weißem Bart, antwortet mit geöffneten Händen und einem Lächeln: „Auf der anderen Seite habe ich gerade eine Kirche in jedem Haus eröffnet“.

Wenn wir heute erstmals nach neun Wochen wieder als kleine Gemeinde zusammenkommen, dann treffen wir uns als Christen, die der lebendige Gott in den Häusern durchgetragen hat! Er hat es nicht zugelassen, dass wir zugrunde gehen, sondern er ist mit seinem Wort auch in den Häusern gewesen. Natürlich sind die Erfahrungen unterschiedlich gewesen. Einige haben unter der Einsamkeit gelitten, gerade diejenigen, die allein in der Wohnung waren. Es gab auch Geschwister, die in dieser Zeit ernstlich krank waren und sogar operiert werden mussten. Aber es hat auch viel Ermutigendes gegeben: Trost, der Mitmenschen gespendet wurde durch Anrufe, durch praktische Hilfe beim Einkaufen, durch Handarbeit, durch Trostbriefe ins Altenheim, durch einzelne Hausandachten. Wir haben ein Stück weit auch das Empfinden von Gemeinschaft trotz äußerer Trennung erlebt: Sei es durch den Bischofsbrief, der in die Häuser ging, und zur Hausandacht an Karfreitag und Ostern einlud, sei es durch manche Anregungen, die wir aus Gottesdiensten und Andachten in Rundfunk, Fernsehen oder Internet empfangen haben. Ich habe durchaus den Eindruck, dass Gott in der Krise auch Segen gegeben hat, bei allem Schweren und Notvollen, von dem wir wissen. Und vieles von dem, was der lebendige Gott in den Häusern geschenkt hat, sehen wir gar nicht. Es bleibt für uns verborgen, aber für unseren Herrn ist es sichtbar.

Ich möchte heute an diesem ersten Tag, an dem wir wieder im Gottesdienst einander in die Augen sehen können, über das „stille Kämmerlein“ nachdenken, von dem Jesus in der Bergpredigt spricht. Es ist ja eine sprechende Szene in der Bergpredigt: Jesus redet zu den Jüngern und der großen Menschenmenge. Sicherlich ist es für viele Menschen in diesem Moment ein besonderes Erlebnis, Jesus so zu hören. Wir kennen solche Erfahrungen ja bisweilen. Es tut manchmal gut, in der großen Gemeinschaft anderer Christen aufzutanken, dabei zu sein, wenn kräftig gesungen wird oder wir uns zum Vaterunser zusammenschließen. Fast schon provozierend macht Jesus seinen Zuhörern klar: So schön das ist, sucht das nicht, sondern sucht das stille Gebet. Zieht euch immer wieder zurück ins stille Kämmerlein, um die Begegnung mit Gott zu suchen!

In den letzten beiden Monaten habe ich öfters an meinen Mentor aus der Vikarszeit denken müssen. Mein Mentor war der Auffassung, dass der Aufbau der Gemeinde aus dem Gebet heraus geschehen solle. Er hat mehrfach die Idee geäußert, für einen begrenzten Zeitraum auf Gemeindeveranstaltungen – ab-gesehen vom Gottesdienst – zu verzichten, und stattdessen die Gemeindeglieder zum Gebet einzuladen. Er hat die Idee nicht verwirklichen können, obwohl er immer wieder einzelne Akzente gesetzt hat, und es auch einen Gebetskreis gab. Nun sind wir durch eine Krise als Kirche gezwungen worden, unsere eigenen Möglichkeiten loszulassen. Kirche fand in den letzten beiden Monaten tatsächlich im stillen Kämmerlein statt.

Wenn wir in die Kirchengeschichte schauen, so wird das stille Kämmerlein immer wieder zum Kraftplatz für Erneuerungen: Aus der Sammlung der Paulusbriefe sind immerhin vier Briefe nachweislich im Gefängnis entstanden; das Gefängnis ist ja sozusagen ein erzwungenes stilles Kämmerlein. Und es sind insbesondere die Briefe des Apostels, welche den Grund der jungen Kirche legen. – Als nach dem Reichstag zu Worms 1521 Martin Luther auf die Wartburg entführt wird, und es überhaupt nicht klar ist, wie es mit der Reformation weitergeht, da entsteht in jenen stillen Monaten in der Lutherstube eine Schrift, die bis heute das wichtigste Buch ist, das je in deutscher Sprache gedruckt wurde: Die Übersetzung des Neuen Testaments, die Lutherbibel. Ohne die Zeit auf der Wartburg hätte es diese Übersetzung womöglich gar nicht so schnell gegeben. Aber dass die Menschen nun Gottes Wort hören und verstehen können, verhilft der Reformation zum Durchbruch.

Dietrich Bonhoeffer, der große Theologe, hat eine große Anzahl von Büchern verfasst; am nachdrücklichsten gewirkt haben jedoch seine Notizen und Briefe aus der Haft. Eine seine Schriften, das Büchlein „Gemeinsames Leben“, ist sogar aus-drücklich dem Gebet gewidmet. Das stille Kämmerlein bedeutet also keineswegs, dass Christen der Welt den Rücken kehren; vielmehr erwächst aus der persönlichen Gottesbegegnung eine Frucht, die auch andere Menschen in diese Begegnung einlädt.  

Jesus selbst hat das Gebet im stillen Kämmerlein nicht nur für uns empfohlen, er hat es auch praktiziert. Immer wieder wird erwähnt, dass Jesus sich aus der Menge und von den Jüngern zurückzieht, um allein mit dem Vater zu sein. Das letzte Mal findet ein solches Gebet im stillen Kämmerlein im Garten Gethesemane statt, unmittelbar vor der Verhaftung. Ein letztes Atemholen vor dem Sterben! Das stille Gebet, wo wir es Jesus nachtun, wird so zur Einübung des Gesprächs mit dem Vater im Himmel, das einmal einmündet in die persönliche Begegnung: Wenn wir sterben, können wir nur allein vor Gott treten. Dieses Gebet im stillen Kämmerlein ist darum so wertvoll, weil wir darin echt und ehrlich vor Gott treten. Wir müssen nicht zu schauen, was die anderen von uns denken: Wichtig ist allein, was Gott von uns denkt. „Euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet“ (Mt 6,8). Das ist eine ungeheure Zusage. Er, der Vater im Himmel, weiß sogar besser als wir selber, was wir brauchen!

Und dann gibt uns Jesus etwas an die Hand, das mit zum Wichtigsten gehört, was wir von ihm empfangen haben: das Vaterunser. Jeder Konfirmand soll es auswendig lernen. Es ist das Gebet, das Jesus uns geschenkt hat. Es ist ein Gebet, das persönlich ist – es passt also gut ins stille Kämmerlein, aber zugleich ist es ein Gebet für uns als Gemeinschaft: Es heißt: „Vater unser“, nicht „mein Vater“! So sehr uns Jesus ermutigt, ins stille Kämmerlein zu gehen und persönlich mit Gott Zwiesprache zu halten, so sehr lädt er uns ein, gemeinsam zu beten. Beides gehört offenbar zusammen: Wo ich in der Stille vor Gott bin, da zeigt uns Gott im Gebet den Bruder oder die Schwester, die zu uns gehören und uns brauchen – und die wiederum auch wir brauchen! Wir können nicht allein glauben, auch das ist ja eine Erfahrung der letzten beiden Monate. Wir sind beständig angewiesen auf die Schwestern und Brüder die mit uns glauben, und manchmal sogar in schweren Zeiten für uns glauben. Wenn wir nun nach und nach zurückkehren in den gewohnten Alltag, dann lasst uns das stille Kämmerlein immer wieder aufsuchen; die Begegnung mit dem Herrn stärkt unser Herz. Das stille Kämmerlein ist die Kirche in den Häusern!

Ich schließe mit einem Wort des katholischen Mystikers Franz von Sales (1567-1622), der sagt: „Wenn dein Herz wandert oder leidet, bring es behutsam an seinen Platz zurück und versetze es sanft in die Gegenwart deines Herrn. Und selbst, wenn du nichts getan hast in deinem ganzen Leben, außer dein Herz zurückzubringen und wieder in die Gegenwart unseres Gottes zu versetzen, obgleich es jedes Mal wieder fortlief, nachdem du es zurückgeholt hattest, dann hast du dein Leben wohl erfüllt.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahrt eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

 


Kurzpredigt zu Kantate (10. Mai) in Peggau (via Video auf unserer Facebookseite)

Predigttext: Kolosser 3,16+17

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!

Eine der ersten Notizen über die frühe Kirche, die von einem sog. „Außenstehenden“ kommt, stammt von dem römischen Schriftsteller Plinius d. Jüngeren. Als Statthalter berichtet er dem Kaiser Trajan, dass die Christen sich jeden Tag vor Sonnenaufgang „und Christus wie einem Gott Lieder singen“. Das Singen war das Markenzeichen der ersten Christen. Und die Lieder, die sie sangen, dienten der Anbetung Christi. Von Anfang an war die Gemeinde singende Gemeinde. Bereits ein Blick in das Alte Testament, die heilige Schrift der ersten Christen, ist aufschlussreich. Dort findet sich neben den vielen Büchern über das Reden Gottes mit uns Menschen eben auch die Sammlung der Psalmen. Das Buch der Psalmen ist sozusagen das „Gesangbuch“ der Bibel. Es ist die Antwort der Menschen auf Gottes Reden.

Wir sind damit bei einem zentralen Anliegen der Reformation. Neben der Übersetzung der Bibel ist Martin Luther vor allem als Liederdichter bekannt geworden. Er nimmt Melodien seiner Zeit und dichtet dazu geistliche Texte. Man könnte sagen: Luther war der „Volks-Rock´n-Roller“ seiner Zeit. Die Lieddichtung war freilich kein Selbstzweck; Luther war die Beteiligung der Gemeinde im Gottesdienst wichtig; so wird das Singen neben dem Gebet die Form, in der Menschen auf das Reden Gottes antworten.

Das Singen ist keineswegs nur schmückendes Beiwerk. Als singende Gemeinde bringt die Kirche Jesu Christi das Wesen Gottes zur Geltung. Das Singen macht deutlich: Unser Herr ist ein Gott, der auf das Gespräch mit uns aus ist, und darum auch unsere Antwort sucht. Wir haben es mit dem redenden Gott zu tun: Er hat die Welt durch sein Wort geschaffen (Gen 1,1). Er hat vielfältig geredet durch seine Zeugen im Alten und Neuen Testament und er hat unmissverständlich zu uns geredet durch seinen Sohn Jesus Christus (vgl. Hebr 1,1). Gott macht mit seinem Reden immer den Anfang. Mit unseren Worten und Liedern geben wir ihm Antwort. Dazu sind wir als Menschen da.

Wenn das so ist, dass alles mit dem Reden Gottes beginnt, dann ist es auch kein Zufall, dass der Sonntag Kantate in die Osterzeit fällt. Denn mit Ostern verbinden wir ja das ausdrucksstärkste Reden Gottes! Er hat Christus von den Toten auferweckt. Er hat in einer Weise gegen den Tod und für das Leben gesprochen, dass alle Bereiche unseres Seins davon erfasst sind. Im Kreis der engsten Freunde ist Christus erschienen, er hat mit ihnen geredet, sie konnten ihn sehen, er mit ihnen gegessen und getrunken. Und dann haben sie ihm Antwort gegeben auf sein Reden. Und diese Antwort war ganz vielfältig. Sie umfasste das ganze Leben. So geht es bis heute, wenn Menschen vom Reden Gottes erfasst werden.

Wir könnten uns natürlich fragen: Reicht es nicht aus, wenn wir Gott durch unsere Worte Antwort geben? Wozu braucht es das Singen? – Alles hängt damit zusammen, dass Gott in seinem Reden zu uns stets den ganzen Menschen meint. Christus will unser Heil, er denkt an uns als Person, er hat nicht nur unseren Kopf im Sinn. Wenn Er so umfassend uns liebt, dann sind Worte zu gering, um das auszudrücken, was er für uns getan hat. Darum werden wir aufgefordert: „Alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn“ (Kol 3,17). Das ist ein ungeheurer Satz. Hier wird nichts weniger als das gesagt, dass unser ganzes Leben ein „Gottesdienst“ sein soll. Keine Sekunde unseres Lebens, kein Gedanke, keine Tat soll sein, die nicht im letzten Ihn sucht und zur Ehre seines Namens geschieht.

Was hat das Singen dem Sprechen voraus? Im Unterschied zu den Worten schwingt beim Singen der Ton immer mit. Damit soll nicht gesagt werden, dass Worte allein stets ohne Ton sind. Aber im Singen ist der Ton beständig dabei. Im Singen legen wir unser Herz mit hinein. Das Singen vermittelt uns einen stärkeren Eindruck des Lebens. Wenn wir zum Beispiel in einen Gottesdienst kommen, in dem ein kräftiger Gesang ist, dann liegt der Schluss nahe: Das ist eine lebendige Gemeinde. Die Art des Singens kann durchaus unterschiedlich sein: Eine afrikanische Gemeinde ist geprägt durch ihren lauten, rhythmischen Gesang und die Begeisterung der Menschen. Wenn ich an die kleinen ungarndeutschen Landgemeinden denke, in denen ich seinerzeit Vikar war, so war der Gesang völlig anders. Er war langsam und getragen – für uns wohl zu langsam, aber immer wieder konnte ich beobachten, dass die alten Frauen beim Singen der deutschen Lieder geweint haben. Sie waren bewegt, dass sie Gott in ihrer Muttersprache loben konnten. Sie haben also in die Lieder ihr Herz hineingelegt. „Singt Gott dankbar in euren Herzen“ (Kol 3,16), sagt Paulus. Damit meint er gewiss nicht, dass wir nur im Herzen, also möglichst leise singen sollen. Vielmehr sollen wir mit dem Herzen singen, also unser ganzes Leben in das an Gott gerichtete Lied hineinlegen. So ist unser Singen Antwort auf Gottes Sagen. „Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dank-bar in euren Herzen“ (Kol 3,16).

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

 


 

Kurzpredigt zu Jubilate (3. Mai) in Peggau (via Video auf unserer Facebookseite)

Predigttext: Johannes 15,1-8

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!

Es gibt ein Wort, das in unserem Predigttext besonders häufig vorkommt: Bleiben! – Jesus, der im Begriff ist zu gehen, legt den Jüngern in seinen Abschiedsreden ans Herz: Bleibt bei mir! „Bleibt in meiner Liebe!“ (Joh 15,9) Bleibt bei meinem Wort! (vgl. Joh 15,7). „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun“ (Joh 15,5).

Ein Stück weit haben wir in den letzten Wochen ahnen können, wie Recht Jesus mit dieser steilen Aussage hat: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“. Seit sieben Wochen haben wir uns nicht mehr zum gemeinsamen Gottesdienst versammelt. „Sieben Wochen ohne“. Selbst in der Kriegszeit hat es das nicht gegeben; wir spüren, wie wichtig eigentlich der Gottesdienst für unser Miteinander und für die Gesellschaft ist.  Manchmal merkt man das ja erst, wenn es fehlt. Kirche ohne Gottesdienst – das ist undenkbar.

Im Grunde sind es letztlich diese Worte Jesu, die auch dazu führen, dass wir nun auf andere Weise über andere Kanäle versuchen, diese Gemeinschaft zu leben: Über Telefon, über das Internet oder im Umweg über das stille Gebet. All das ist gewiss in aller Gebrochenheit geschehen, ohne Frage. Manches Herz haben wir nicht erreicht; wir sind darin der Vergebung bedürftig. Es ist deutlich geworden: Wir brauchen diese Gemeinschaft, ohne die es nicht geht. Wir können nicht alleine glauben. Und so ist es gut, dass sich bei uns Österreich abzeichnet, dass wir in zwei Wochen wieder nach und nach auch die sichtbare Gemeinschaft der Schwestern und Brüder haben werden.

„Ohne mich könnt ihr nichts tun“. Als Jugendlicher ist mir dieser Satz einmal so wichtig geworden, dass ich ihn mit einem Stift an die Wand gemalt habe. Mit diesem Satz Jesu kann man die evangelische Gnadenlehre zusammenfassen. „Ohne mich könnt ihr nichts tun“. Ich erinnere mich daran, dass mein Vater ins Zimmer trat und sagte: Du müsstest eigentlich noch einen anderen Satz dazu schreiben: „Von allen Seiten umgibst du mich!“ Viele kennen sicherlich den bekannten Vers aus Psalm 139. Mein Vater hatte Recht. Beide Sätze gehören zusammen. Es geht nicht ohne Jesus. Hoffentlich führt die Zeit der Krise dazu, dass wir als Menschen und als Kirche innehalten und uns fragen: Wo haben wir es ohne Jesus aus eigener Kraft versucht, obwohl doch klar ist, dass alles von ihm kommt?! „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“

Und es gilt zugleich das andere: Der Weinstock steht mitten im Weinberg. Wir müssen auch diese Abschiedsreden Jesu im Osterlicht lesen. Jesus ist da. Er lebt! Ansonsten macht seine Mahnung gar keinen Sinn: „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“  Nur der lebendige Herr kann uns einladen: Bleibt bei mir, bleibt in meiner Liebe, ringt darum, dass meine Worte in euch bleiben! Es müssen solche Lebensworte gewesen sein, welche die Jünger dazu gebracht haben, nach der Kreuzigung Jesu nicht auseinanderzugehen, sondern zusammenzubleiben. Und in diese Gemeinschaft ist dann der auferstandene Herr gekommen: „Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen“ (Joh 20,20). Diese Freude steht auch uns bevor! Bis es soweit ist, lasst uns bleiben in seinem Wort und in seiner Liebe!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 


Kurzpredigt zu Misericordias Domini (26. April) in Peggau (via Video auf unserer Facebookseite)

Predigttext: Psalm 23,1-6

Einleitung: Herzlich willkommen am zweiten Sonntag nach Ostern in der Ev. Friedenskirche in Peggau! Ich möchte heute die Aufmerksamkeit auf das wunderbare Bronzekreuz richten, das unseren Altar schmückt. Es hat mich schon immer an das Kreuz erinnert, das in der Kirche meiner Kindheit steht. Ich komme aus einer Gegend, in der noch bis vor wenigen Jahrzehnten Eisenerz abgebaut wurde. In das Bronzekreuz meiner Heimatkirche waren zwölf Erzstücke in der Mitte eingelassen, als Hinweis auf die zwölf Apostel, die die Christusbotschaft übermitteln. Das Peggauer Kreuz hat eine vergleichbare Botschaft: An den vier Seiten des Kreuzes sind die altkirchlichen Symbole der Evangelisten abgebildet. Man kann sich die Symbole leicht merken anhand des Beginns der jeweiligen Evangelien: Matthäus hat den Menschen als Symbol. Sein Evangelium beginnt mit einem Stammbaum, sozusagen der menschlichen Vorgeschichte Jesu. Markus setzt ein bei Johannes, dem Täufer in der Wüste. Sein Symbol ist der Löwe, das Wüstentier. Das Lukasevangelium beginnt im Tempel mit der Begegnung des Engels mit Zacharias. Sein Symbol ist der Stier, das klassische Opfertier der Antike. Und Johannes ist schließlich der Evangelist, dessen Jesusgeschichte ganz oben im Himmel bei Gott beginnt: Sein Symbol ist der Adler, der König der Lüfte. – Alle vier Evangelien bezeugen auf ihre Weise den, dessen Symbol in der Mitte steht: Sie weisen hin auf Jesus Christus, das Lamm Gottes. Das Lamm steht in der Mitte des Kreuzes. Wir sind damit beim Thema des Sonntags. Es ist der Sonntag „Misericordias Domini“, also der Sonntag „vom Erbarmen des Herrn“, auch der Sonntag des guten Hirten genannt. Jesus sagt: „Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe“ (Joh 10,11).

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen. Das Predigtwort für den Sonntag des guten Hirten ist der 23. Psalm.

Liebe Schwestern und Brüder!

Es ist Euch sicher aufgefallen: Ich habe keine Bibel gebraucht, um den heutigen Predigttext zu lesen. Ich habe den Psalm früher auswendig gelernt und kann es daher aufsagen. Der Engländer sagt: „To learn by heart“ – „mit dem Herzen lernen“. Es gibt viele ältere Menschen, die diesen Psalm so im Herzen tragen; auch unsere Konfirmanden sollen ihn lernen. In diesen Worten ist so etwas wie der Grundbestand unseres Glaubens, von dem wir jetzt in diesen schwierigen Tagen zehren. Drei Dinge sind mir wichtig geworden:

1. Wir Menschen brauchen Leitung.

Es ist interessant, dass in der Krise die jeweiligen Regierungen in den Meinungsumfragen zulegen, so unter-schiedlich sie auch sind. Menschen sehnen sich offenbar in schwierigen Zeiten nach Leitung. Den Menschen der Bibel war klar: Derjenige, dem wir vorbehaltlos vertrauen können, ist der lebendige Gott. Er ist derjenige, der uns führt und leitet: „Der Herr ist mein Hirte“. In diesem Worten steckt der heilige Gottesname, der ja aus Ehrfurcht mit „der Herr“ umschrieben wird. Dieser Name steht am Anfang. Das ist in dem Psalm offenbar Programm: Gott steht am Anfang. Es ist wichtig, dass Er das erste Wort hat. Und dann wird es persönlich: „Der Herr ist mein Hirte“. Der Beter sagt: Dieser Gott ist kein Fremder, der weit weg im Himmel ist. Er ist „mein Hirte“, er ist mir persönlich nahe. Und dann kommen eindrückliche Glaubensaussagen: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“. „Er führt mich zum frischen Wasser.“ Bei ihm habe ich Leben, seine Führung ist gut und dient zu meinem Heil. Wenn ich diesen Herrn  habe, dann habe ich alles, was ich brauche. Die heilige Teresa von Avila, eine spanische Mystikerin des 16. Jh., sagt: „Gott allein genügt.“ – „Der Herr ist mein Hirte mir wird nichts mangeln.

2. Gott ist auch in den Tiefen des Lebens da.

Es gibt keinen Christen, dem in seinem Leben die Erfahrung der Tiefe erspart bleibt. Der Psalmbeter spricht von dem finsteren Tal, durch das er wandern muss. Das Kennzeichen von Finsternis ist ja, dass wir den Weg vor uns nicht genau erkennen können. Das Bild vom finstern Tal ist in dieser Krise hochaktuell: Menschen fragen sich: Wie geht es weiter: Mit meinem Arbeitsplatz, mit unserer Gesundheit, mit den Kindern? Wie wird das in einigen Wochen sein? Selbst den Politikern, die jetzt entscheiden, in welcher Weise die Beschränkungen zurückgenommen werden, ist anzumerken: Sie sind selber unsicher. Der Weg ist nicht genau zu erkennen. Es lohnt sich, wenn wir den Gedankengang des Psalms genau mitgehen. Der Beter hat nicht deshalb Trost, dass er den Weg erkennt; er bekennt vielmehr freimütig, dass er im finstern Tal ist. Er weiß sehr wohl, dass ihn Unglück treffen kann und manches Mal auch treffen wird. Wir wissen von Glaubensgeschwistern, die Schweres durchgemacht haben und Schweres durchmachen. Jeder von uns hat sein Päckchen zu tragen. Trost erfahren wir durch die Nähe des Herrn: „Du bist bei mir!“ Dieser Glaube gibt Trost und Kraft. Und damit sind beim Kern unseres Glaubens. „Der gute Hirte lasst sein Leben für die Schafe“ (Joh 10,11). Der Glaube an Jesus Christus, der mit durch das dunkle Tal geht. Wir glauben an den Herrn, der da ist, auch wo wir nichts sehen. Wir glauben an den Herrn, der Mensch wurde wie wir, der uns darum nahe ist wie niemand sonst. „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir.“

 3. Am Ende wird alles gut.

Der Psalm schließt mit einem bemerkenswerten Satz: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ Der Glaube an Jesus Christus ist davon überzeugt: Es gibt immer einen Aus-weg; und zwar deshalb, weil wir einen Herrn haben, der von den Toten auferstanden ist, und der unser Leben will. Es wird auf jeden Fall eine Zeit nach der Krise geben! Das ist so sicher, wie das Grab am Ostermorgen leer war!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.


Kurzpredigt zu Quasimodogeniti (19. April) in Peggau (via Video auf unserer Facebookseite)

Predigttext: Johannes 20,19-29

Einleitung: In der heutigen Andacht ist das Taufbecken in der Peggauer Kirche zu sehen. Das hängt mit der Bedeutung dieses Sonntages zusammen. Es ist der Sonntag mit dem schönsten Namen: Quasimodogeniti. Das lateinische Wort leitet sich von der Antiphon ab, die in der Liturgie dem Tagespsalm vorangestellt ist: „Wie die neugeborenen Kindlein” – quasimodogeniti – „seid begierig nach der vernünftigen, lauteren Milch” (1. Petr 2,2).

In der katholischen Tradition nennt man diesen Sonntag den „weißen Sonntag”; es endet die Osterwoche. Am weißen Sonntag empfangen die katholischen Kinder in der Regel die Erstkommunion. Heuer ist alles anders. Die Kommunionsfeiern sind abgesagt. Wir als evangelische Christen können keine Taufen vollziehen, auch die Konfirmation ist verschoben. Ich möchte jedoch heute darüber nachdenken, warum die Sakramente wichtig für uns sind.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!

Thomas ist der Zweifler unter den Jüngern. Vielleicht hat er aber auch einfach nur Pech gehabt. Jesus begegnet den Seinen, und ausgerechnet Thomas ist nicht dabei. Die anderen machen eine Erfahrung, die Thomas nicht hat. Sie haben Jesus gesehen, Thomas hat nur das Wort der anderen. Aber das genügt ihm nicht. Er möchte selber Jesus begegnen, ihn berühren, mit ihm sprechen.

Thomas ist mir in diesen Tagen sehr nahe. Ein Stück weit steht dieser Jünger für das, was wir im Moment als Menschen und als Kirche erleben. Wir hören die Andacht über das Internet, wir lesen Bibelworte, aber der Wunsch ist: Selber da sein, die Glaubensgeschwister treffen, sie anfassen, mit ihnen sprechen. Nun, ganz menschlich gesprochen, werden wir das über kurz oder lang auch wieder erleben. Wir werden wieder Gottesdienst miteinander feiern. Gott sei Dank!

Aber Thomas lässt nicht locker. Er hat ja die Glaubensgeschwister. Er steht in der Gemeinschaft. Doch Thomas möchte mehr: er sucht den Kontakt mit dem Herrn. Er hat die Sehnsucht nach Jesus. Und diese Sehnsucht wird erst in dem Moment gestillt, in dem Jesus selbst in den Raum tritt und sagt: „Schalom” – „Friede sei mit euch!”

Jesus begegnet dem Thomas als Seelsorger: „Reiche deine Finger her und sieh meine Hände!” Jesus geht auf Thomas ein. Er blickt den Zweifler liebevoll an. Und Jesus hilft ihm dabei zu glauben. Und dann ist es ausgerechnet Thomas, der als erster das volle Christusbekenntnis ablegt: „Mein Herr und mein Gott!” Keiner hat höher von Jesus Christus gesprochen als Thomas! Auch zur Taufe gehört ja das Glaubensbekenntnis. Werden Säuglinge getauft, sprechen es die Eltern und Paten mit der Gemeinde. Ich habe aber auch schon Taufen erlebt, in denen der Taufling selber seinen Glauben vor der Gemeinde ausge-sprochen hat. Mit der Taufe kommt Jesus unserer menschlichen Natur entgegen. Die Reformatoren haben die Taufe ein „göttliches Wortzeichen” genannt. Es macht nachdenklich, dass Martin Luther sich in schweren Stunden nicht auf seinen Glauben beruft, sondern sagt: „Ich bin getauft!” Das Sakrament dient also der persönlichen Vergewisserung. „In der Taufe hat Jesus selber die Hand auf euch gelegt”, so hat man es früher den Konfirmanden ans Herz gelegt. Man könnte sagen: Die Taufe ist unser Thomas-Moment. Jesus reicht seine Hand und fordert uns auf, ihm zu vertrauen.

Im Evangelium wird übrigens nicht erzählt, ob Thomas tatsächlich seine Hand in die Seite Jesu gelegt hat. Sein Bekenntnis jedenfalls hat er bereits ausgesprochen, als Jesus ihn angeredet hat: „Mein Herr und mein Gott!” – Die Antwort Jesu überrascht: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!” Im ersten Moment hört sich das wie ein Tadel für Thomas an. Aber ist in dieser beglückenden Begegnung überhaupt Raum für Tadel? Jesus hat offenbar uns heute im Blick. Mit diesen Worten kommen wir in der alten Geschichte vor. Wir sind diejenigen, „die nicht sehen und doch glauben.” Jesus sieht uns, die wir nur vom Hörensagen die Osterbotschaft vernommen haben. Er sieht uns in den Häusern. Er, der auferstandene Herr, kann auch heute verschlossene Türen überwinden! Und darum können auch wir an ihn glauben. Und einmal wird der Tag kommen, an dem es uns so ergeht wie Thomas. Es wird der Tag kommen, an dem wir mit kindlicher Freude Jesus in die Arme nehmen können. Heute, am Sonntag Quasimodogeniti, sind wir diesem Augenblick wieder ein Stück näher gekommen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus, unserem Herrn. Amen. 

 

Die Musikstücke, die Familie Rainwald an den vorhergehenden Sonn- und Feiertagen gespielt hat, können ebenfalls noch aufgerufen werden:

10. April (Karfreitag) siehe unter http://rainwald.clubcomputer.at/Musik/20-04-10/Musik_in_Kirchen-05.html

9. April (Gründonnerstag) siehe http://rainwald.clubcomputer.at/Musik/20-04-09/Musik_in_Kirchen-04.html

5. April (Palmarum) siehe unter http://rainwald.clubcomputer.at/Musik/20-04-05/Musik_in_Kirchen-03.html 

29. März (Judika) siehe unter http://rainwald.clubcomputer.at/Musik/20-03-29/Musik_in_Kirchen-02.html

22. März (Lätare) siehe unter http://rainwald.clubcomputer.at/Musik/20-03-22/Musik_in_Kirchen-01.html


Kurzpredigt zu Ostern (12. April) in Peggau (via Video auf unserer Facebookseite)

Predigttext: Lukas 24,34

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!

Vermutlich erstmals in der Geschichte der Evangelischen Pfarrgemeinde Peggau feiern wir den Ostergottesdienst draußen vor der Kirche – und eben jeweils in den Häusern. Nur wenige Meter nebenan ist der Friedhof, der auch in dieser Zeit von manchen Menschen besucht wird. Sie pflegen die Gräber ihrer Angehörigen und kommen, um zu trauern. Es ist die tiefe Liebe zu ihrem verstorbenen Herrn, welche die Frauen zum Grab gehen lässt. So wie wir manche vermissen, die wir verloren haben. So setzt auch die Ostergeschichte ein. Die Frauen kommen am Morgen zum Grab, um zu trauern. Sie wollen ihrem Herrn die letzte Ehre erweisen. Doch dann das schockierende Erlebnis: Das Grab ist leer, der Leib des Herrn ist nicht mehr da. „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden!“ (Lk 24,5b-6a). Diese Botschaft bringen die Frauen in die Häuser. Sie erzählen, was sie erlebt und gehört haben. Aber was sie als Reaktion erfahren, ist keineswegs überschäumende Begeiste-rung. Die Apostel glauben ihnen nicht, es ist für sie „Geschwätz“. Eine sehr nüchterne Erkenntnis am Ostermorgen. Die Jünger sind skeptisch. Simon Petrus prüft immerhin nach und geht zum Grab und findet es ebenfalls leer vor.

Wie geht diese Geschichte weiter? – Werfen wir einen Blick auf unsere Kirchenwand. Seit vielen Jahren ziert unsere Kirche ein Graffiti. Vermutlich wollte irgendjemand der Pfarrgemeinde einen Streich spielen und hat mit Sprühfarbe in großen Buch-staben einen Satz an die Kirchenwand geschrieben: „Jesus lebt und liebt dich!“ Ich finde das erstaunlich. Dieses Graffiti ist wahr! Genau das ist die Osterbotschaft: „Jesus lebt und liebt dich!“ Es ist ein ganz kurzer Satz, den man sich sofort merken kann. Die ersten Christen haben auch solche Sätze gehabt, in denen die Osterbotschaft kurz und treffend auf den Punkt gebracht wird. Einer der ältesten dieser Sätze lautet: „Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen“ (Lk 24,34).

     Dieses alte Bekenntnis sagt im Grunde genau dasselbe aus wie unser Graffiti. Jesus lebt und liebt dich! Woran merken wir, dass Jesus lebt? Woran hat es Simon gemerkt? Es ist nicht das leere Grab, das ihn überwindet. Der Herr ist auferstanden und Simon erschienen! Die ersten Zeugen legen großen Wert darauf, dass Jesus den Seinen begegnet ist. Das ist letztlich Ostern, dass Er Menschen begegnet, und diese Begegnung Menschen verändert. Das Neue Testament weist uns darauf hin, dass es einen kleinen von Kreis von Menschen gibt, denen Jesus als auferstandener Herr erschienen ist. Menschen haben ihn gesehen. Sie sind die ersten Osterzeugen. Zu ihnen gehört Simon, genannt Petrus. Ausgerechnet Petrus, möchte man sagen! Ausgerechnet er, der noch nach der Verhaftung Jesu seinen Herrn verleugnet hat. Er wird zum ersten Christuszeugen! Es ist ein wunderbares Moment der Ostergeschichte, dass Jesus bei Petrus anfängt. Daran zeigt sich, dass die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus Christus eine heilvolle Begegnung ist. Weil Jesus lebt, ist Schuld vergeben. Weil Jesus lebt, gibt es einen Neuanfang! Das setzt dieses alte Bekenntnis voraus. Darum ist diese Begegnung von Jesus mit Petrus für die ersten Christen so bedeutsam. „Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen!“ Petrus fängt neu an, weil Jesus lebt. Und wenn er neu anfangen kann, dann können wir es in der Begegnung mit Jesus Christus auch. Diese Botschaft muss hinaus in die Welt, in die Häuser und in die Herzen – gerade auch in dieser schweren Zeit. Die Osterbotschaft ist eine doppelte Botschaft. Sie lautet: Jesus lebt – und liebt dich!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus, unserem Herrn. Amen.

 


 

Kurzpredigt an Karfreitag (10. April) in Peggau (via Video auf unserer Facebookseite)

Predigttext: Johannes 3,16

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!

„So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Joh 3,16). – Dieses bekannte Bibelwort fasst den Sinn von Karfreitag, ja die ganze Bedeutung der Sendung Jesu in einem Satz zusammen. Wir Menschen in Peggau, in Frohnleiten und Judendorf, hier im Murtal, in der Steiermark, in Österreich, in Europa, ja im Grunde in der weiten Welt, wir alle haben uns diese Situation nicht ausgesucht. Niemand von uns hätte vor anderthalb Monaten ahnen können, dass sich aus Sorge vor dem Virus unsere ganze Lebensordnung ändert. Ob wir es wollen oder nicht, wir müssen mit dem allen leben. Wir haben keine andere Wahl. Er, der eine, ist anders. Er hatte die Wahl. Das unterscheidet Jesus von uns. Und darum ist die Leidensgeschichte Jesu, die wir gerade gehört haben, bei aller Schwere so trostreich. Jesus ist aus freien Stücken unter uns. Niemand hätte den Sohn Gottes zwingen können, den Himmel zu verlassen. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab…“ Das ist das entscheidende Wort. Jesus ist uns gegeben. Darin steckt Weihnachten, darin steckt Karfreitag, und im Grunde auch Ostern. Die Passionsgeschichte ist nicht einfach eine tragische Geschichte eines gescheiterten Menschen. Die Passion ist der Weg, den Jesus aus freien Stücken geht, um uns nahe zu sein, um zu erlösen.

Ich möchte es einmal mit den Bildern der Corona-Krise umschreiben: Jesus kommt mir vor wie ein junger Arzt in einem Krankenhaus einer italienischen Stadt mitten im Krisengebiet. Er bekommt den Auftrag Menschen zu heilen, den Sterbenden nahe zu sein. Durch seinen Dienst wird er viele Leben retten. Aber ihm wird auch gesagt: Wir haben keine Schutzkleidung für dich, du bist nicht immun, du bist dem tödlichen Virus ausgesetzt wie alle anderen auch. Wenn du hineingehst, um zu heilen und neues Leben zu schenken, wird es dein Leben kosten. Willst du diesen Weg gehen? – Die Passionsgeschichte zeigt uns, welche Antwort der Sohn Gottes auf diese Frage gegeben hat.

Der Schweizer Dichter Kurt Marti hat diesen Gedanken einmal in ein schönes Gedicht gefasst. Er sagt:

Ich wurde nicht gefragt

bei meiner Geburt

und die mich gebar

wurde auch nicht gefragt

bei ihrer Geburt.

Niemand wurde gefragt

außer dem Einen

und der sagte:                                     Ja!

„So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Joh 3,16). – Von diesem Ja Gottes, das er in Jesus Christus gesprochen, leben wir!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus, unserem Herrn. Amen.

 


 

 

Kurzpredigt am Gründonnerstag (9. April) in Peggau (via Video auf unserer Facebookseite)

Predigttext: Markus 14,12-17+22-26

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!

Unser Abendmahlsgeschirr ist – wie vermutlich in vielen anderen Pfarrgemeinden – aus wertvollem Metall. Natürlich wissen wir, dass Jesus und die Seinen bei der Einsetzung des Abendmahls nicht aus einem Metallkelch getrunken haben. Damals war eher ein Becher aus Ton das übliche Gefäß. Unser Abendmahlsgeschirr weist uns darauf hin, wie kostbar Speise und Trank sind, die wir zu uns nehmen. Wir sind beim Abendmahl in engster Gemeinschaft mit unserem Herrn Jesus Christus. Er gibt sich selber für uns in den Tod. Und seine Lebenshingabe fügt auch uns zusammen, die wir miteinander von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken. Er macht uns zu Schwestern und Brüdern. Die ersten Zeugen haben die Ereig-nisse um das Abendmahl sorgfältig dokumentiert. Wir hören einige Verse aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 14.

Wir erfahren von Markus, dass Jesus mit den Jüngern das Passafest gefeiert hat. In den jüdischen Familien ist es bis heute Brauch, dass der jüngste Sohn die Frage stellt: „Wodurch unterscheidet sich diese Nacht von allen anderen?“ Daraufhin erzählt der Hausvater die Geschichte von der Befreiung aus Ägypten: „Wir waren Knechte in Ägypten, aber der Herr führte uns heraus…“ (Dtn 6,21). Es wird deutlich: Das ist unsere Geschichte! – Genau so ist auch das Abendmahl zu verstehen. Wenn wir das Mahl miteinander feiern, denn erinnern wir uns nicht an eine alte Geschichte, sondern dann ist klar: Wir gehören in diese Geschichte hinein. Wir sitzen mit Jesus und den Jüngern an einem Tisch. Es folgte dann nach jüdischer Sitte die gemein-same Mahlzeit. Was dann geschieht, erzählen die ersten Zeugen:

Jesus nahm Brot und Wein, reichte beides in die Runde. Die Worte, die er sagte, sind bis heute treu überliefert: „Das [ist] mein Leib, für euch gegeben“ – „Das [ist] mein Blut, für euch vergossen“. In seiner aramäischen Muttersprache bedeutet Leib „Ich selbst“, das Blut galt als Träger des Lebens. Die Worte Jesu waren also sehr knapp, zeichenhaft, aber von einer großen Klarheit: „Das bin ich selbst, mein Leben gebe ich für euch hin“. Jesus nimmt uns hier in die Seelsorge. Er verkündet keine Theorie, wie wir sein Leiden und Sterben zu verstehen haben. Er nimmt uns mit hinein in sein Geschick, lädt uns ein, seine Lebenshingabe zu schmecken und zu kosten. „Christus will leiblich unter uns wohnen“, sagt der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer (DBW 15, S. 552).

Ich gestehe, dass es gerade jetzt schmerzt, über diese Mahlgemeinschaft nur zu sprechen, sie nicht zu erleben. Wenn es etwas Gutes gibt an dieser schweren Zeit, dann die Tatsache, dass sie eine neue Sehnsucht in uns weckt nach der Christusgemeinschaft. Jesus selbst deutet diese Sehnsucht in seinen Worten an: „Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs neue davon trinke im Reich Gottes“ (Mk 14,25). Jesus blickt nach vorne: Ich werde mit Euch wieder Abendmahl feiern.

„Wodurch unterscheidet sich diese Nacht von allen anderen?“ – so fragt der jüdische Junge am Beginn des Passafestes. Das Fest schließt mit den Worten – von allen Juden auf der Welt gesprochen: „Nächstes Jahr in Jerusalem.“ Nehmen wir diesen Gruß auf: Demnächst in Peggau, in Frohnleiten und in Judendorf! Und mit uns geht die Hoffnung, dass wir es einmal auch aus Jesu Händen empfangen!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus, unserem Herrn. Amen. 

 


 

Kurzpredigt am Palmsonntag (5. April) in Peggau (via Video auf unserer Facebookseite)

Predigttext: Johannes 12,1-3+9-19

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!

Geht es Ihnen auch so in diesen Tagen? Man wacht morgens auf, sieht die Sonne scheinen und fragt: Habe ich das alles nur geträumt? Ist dieser Ausnahmezustand wirklich passiert? Man hofft, dass uns jemand in den Arm zwickt und sagt: Es war nur ein Alptraum. Komm, wir bereiten uns jetzt auf Weihnachten vor: „Tochter Zion, freue dich, sieh, dein König kommt zu dir, ja er kommt, der Friedefürst“ (EG 13,1)! Wir haben das wunderbare Adventslied im Ohr, schalten den Fernseher ein. Wir sehen den Bundeskanzler und die Minister bei der täglichen Pressekonfe-renz und es wird klar: Corona ist kein Alptraum, Corona ist Realität.

Das Wort „Corona“ kommt ja aus dem Lateinischen und bedeutet eigentlich: „Krone“. Eine Krone trägt ein König, und um den König geht es auch heute am Palmsonntag. „Dein König kommt zu dir, der Friedefürst“. Die Geschichte vom Einzug in Jerusalem ist die Bibelgeschichte, die im Kirchenjahr zweimal vorkommt: Am 1. Advent und am Palmsonntag. Das ist sehr tiefsinnig. Es geht in beiden Zeiten um das Kommen des Königs. Ich lese das Evangelium nach Johannes im 12. Kap. und nehme einige Verse der vorangehenden Geschichte noch mit hinzu:

Lesung des Predigttextes Joh 12,1-3+9-19    

In diesen beiden Geschichten ist die Spannung zu greifen, die die ganze Passionsgeschichte bis zum Ostermorgen durchzieht. Diese beiden Geschichte zeigen auf unterschiedliche Weise den Weg des Lebensfürsten in den Tod. Nicht zufällig beginnt die Szene in Bethanien, wo Jesus kurz zuvor seinen Freund Lazarus von den Toten auferweckt hat. Der Freund Lazarus ist sozusagen der lebendige Beweis, wozu Jesus gekommen ist: Er ist gekommen, um Leben zu schenken; mit seiner Person verbindet sich die Hoffnung auf erfülltes Leben, und so ist es kein Wunder, dass die Festpilger in Jerusalem Jesus als einen König empfangen. „Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt zu dir und reitet auf einem Eselsfüllen“ (Joh 12,15). Aber als Leser dieser Geschichte sind wir zugleich zurückhaltend, denn wir wissen: Diejenigen, die jetzt sein Kommen feiern, werden wenige Tage später ihn ans Kreuz schreien und Hand an ihn legen. Auch das wird bereits angedeutet in Bethanien. Es wird ein Beschluss der Gegner Jesu erwähnt. Sie wollen auch Lazarus töten, weil wegen ihm viele an Jesus glauben. Der Todesbeschluss steht fest. Es ist die Auferweckung des Lazarus, die Jesus den Tod bringt. Auf geradezu dramatische Weise wird hier ein unlöslicher Zusammenhang offenbar: Der Weg, der Lazarus das Leben schenkt, ist für seinen Herrn zugleich der Gang in den Tod. Oder anders gesagt: Damit Lazarus leben kann, muss Jesus sterben. Das ist der Grund, warum wir heute fröhliche und ernste Lieder zugleich singen. Wir feiern den Herrn, der für unser Leben einsteht – doch dieses Einstehen für uns kostet ihn selber das Leben.

Die Menschen, die Jesus beim Einzug in Jerusalem zujubeln, haben das damals noch nicht verstanden. Auch seine engsten Freunde begreifen dies erst an Ostern. Aber dann bezeugen sie es umso kräftiger: Es ist kein Traum, Jesus ist der König, der starb, damit wir leben! Es ist dieser wunderbare Herr, der uns auch in Zeiten von Corona halten wird! Im Buch der Offenbarung werden wir darum ermutigt, diesen Glauben an Jesus festzuhalten: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone – Corona – des Lebens geben“ (Offb 2,10).

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus, unserem Herrn. Amen.

 

Kurzpredigt am Sonntag Judika (29. März) in Peggau (via Video auf unserer Facebookseite)

(Die Predigt wurde ausnahmsweise nicht vom Altar oder der Kanzel aus, sondern von der Orgel aus gehalten.)

Predigttext: Hebräer 13,12-14

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Predigt kommt heute von der Orgel her. Normalerweise sitzt an diesem Platz unser Organist Walter Rainwald oder Heinz Hoppaus. Die Orgel wäre eigentlich das angemessene Instrument für das Lied von Paul Gerhardt. Die Orgel ist das Instrument des Barock. Johann Sebastian Bach und Paul Gerhardt stammten aus der Zeit nach dem dreißigjährigen Krieg, in der die Menschen viel mitgemacht haben. Die Kindersterblichkeit war hoch und die Lebenserwartung gering. Aber ist gibt wohl kaum eine Musik, die eine solche Harmonie ausstrahlt. Die Menschen jener Zeit richteten ihren Augen auf den gekreuzigten Christus. Und von dort fällt ein Schimmer der Ewigkeit herein. Darum geht es auch in unserem Predigtwort. Jesus hat gelitten „draußen vor dem Tor“. Der Ort seiner Hinrichtung, wo jetzt die Grabeskirche ist, lag außerhalb der Stadtmauer. Jesu ganzes Leben ist davon gekennzeichnet, dass er den geschützten Bereich verlässt. Er kommt vom Himmel auf Erde. Das ist Weihnachten. Er geht vom Leben in den Tod. Das ist die Passion. Er geht diesen Weg, um uns nahe zu sein, um uns zu erlösen. Der Passionsweg ist der Weg seiner Liebe.

Der Hebräerbrief verbindet den Weg Jesu mit der Aufforderung: „Lasst uns zu ihm hinausgehen und seine Schmach tragen“ (Hebr 13,13). – In den Tagen der Corona-Krise hören wir immer wieder von Italien. Am stärksten betroffen ist die Stadt Bergamo. Die Ärzte und das Pflegepersonal leisten Übermenschliches. Man möchte fragen: Wo ist Jesus? Unser Bibelwort gibt im Grunde die Antwort. Er ist genau dort, wo gelitten und gestorben wird. Er ist mittendrin. Er ist dort, „draußen vor dem Tor“. Unter den vielen Todesopfern in Italien sind mehr als fünfzig katholische Priester. Viele von ihnen waren der Aufforderung des Papstes gefolgt, der gesagt hat: „Mögen Sie den Mut haben, hinauszugehen zu den Erkrankten, um ihnen die Kraft des Wortes Gottes und die Eucharistie (unser Abendmahl) zu bringen". Im Predigtwort lautet die Aufforderung: „Lasst uns zu ihm hinausgehen“ – zu Jesus! Jene Priester sind mit dem Glauben zu den Kranken und Sterbenden gegangen: Wir sind dort, wo Jesus uns haben will. Und damit sind wir dort, wo Jesus selber ist. Eine solche Hingabe ist nur möglich in dem Glauben, dass dieses Leben nicht das letzte ist. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“, sagt der Hebräerbrief.

Ich schließe mit einem letzten Gedanken zur Barockmusik. Sie ist wohl darum so tiefgehend, weil sie in ihrer Harmonie auf Gottes Ewigkeit verweist. Der berühmte Schweizer Theologe Karl Barth hat geäußert, dass seiner Meinung nach die Engel im Himmel, wenn sie Dienst haben, Johann Sebastian Bach spielen. Er fügt aber verschmitzt an: „Wenn sie frei haben, spielen sie Mozart“. Damit ist dann auch der österreichischen Lebensfreude Rechnung getragen.

Wenn wir in diese Zeit unseren Blick auf Leiden Sterben Jesu richten, dann tun wir dies in dem festen Glauben: Er litt, damit wir leben!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

 

 

Kurzpredigt am Sonntag Lätare (22. März) in Peggau (via Video auf unserer Facebookseite)

Predigttext: Jesaja 66,10-14 (13)

Liebe Schwestern und Brüder!

„Mit Mutterhänden leitet er die Seinen stetig hin und her. Gebt unserm Gott die Ehre.“ So heißt es in dem gerade gesungenen Lied. „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“, ist der Kernsatz des heutigen Predigttextes.

Ausgerechnet der Vater des Verlorenen Sohnes kommt mir bei diesem Bibelwort in den Sinn; von einer Mutter ist ja im Gleichnis Jesu nicht die Rede. Nach meiner Konfirmation besuchte uns mein Patenonkel, um mir ein Konfirmationsgeschenk zu überreichen. Es war ein Bild, ein Ausschnitt aus einem Gemälde des berühmten niederländischen Malers Rembrandt. Mein Patenonkel qualmte mit seiner Zigarre unser Wohnzimmer voll, es stank fürchterlich, aber mir blieb in Erinnerung, wie er die Hände des Vaters in Rembrandts Spätwerk beschrieb: Eine raue, kraftvolle Männerhand, die sich auf die Schulter des Sohnes drückt: Ein Mensch braucht Führung, braucht Leitung, und diese Leitung schenkt der lebendige Gott. Die andere Hand ist zarter, sie liegt mehr auf dem Rücken des Sohnes, drückt Zuspruch und Zuwendung aus: eine Frauenhand, die Rembrandt gestaltet hat. So bringt der Künstler seine Sicht von Gott zur Sprache: ein Gott, der den Sohn fordert und führt, aber auch ein Gott, der den Sohn fördert und liebt. Der Blick des Vaters ist auf den Sohn gerichtet, und der Sohn birgt sich beim Vater. Eine solche Bergung finden wir bei Gott – persönlich, aber auch als kleine Pfarrgemeinde in der Steiermark, wo wir jetzt je für uns in den Häusern unseren Glauben ohne die sichtbare Gemeinschaft der Schwestern und Brüder leben müssen.

 

„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Diese Worte rühren ja ein Stück weit auch Kindheitserinnerungen an. Wie oft sind wir als Kinder getröstet worden! Übrigens unabhängig davon, wie groß die Not tatsächlich war: für ein Kind kann schon ein zerbrochenes Spielzeug eine große Not bedeuten. Die Tröstung ist unabhängig von der Schwere der Not. Der Trost Gottes ist uns zugesagt. Mitten in der Passionszeit, in der wir an das Leiden und Sterben Jesu denken, leuchtet ein Stück Ostern auf. Gott sagt: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Manchmal erfahren wir den Trost Gottes nicht sogleich. In diesen Tagen spüren wir stärker die raue Hand Gottes auf unserer Schulter. Aber er spricht uns seinen Trost zu, und er hat sein Wort immer gehalten. Durch seinen Sohn Jesus Christus ist er uns trotz äußerer Trennung nahe. Durch Jesus gilt, was der Lieddichter ausdrückt: „Der Herr ist noch und nimmer nicht von seinem Volk geschieden; er bleibet ihre Zuversicht, ihr Segen, Heil und Frieden. Mit Mutterhänden leitet er die Seinen stetig hin und her. Gebt unserm Gott die Ehre“ (EG 327,6).

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

  

Predigt am Sonntag Oculi (15. März) in Judendorf

Predigttext: Lukas 9,57-62
Psalm: 34
Lieder: Jesu, meines Lebens Leben (EG 86,1-4); Lobt Gott, getrost mit Singen (EG 243,1-4); Meinem Gott gehört die Welt (EG 408,1-6)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!
Diese Geschichte beginnt mit einer Bemerkung, die tiefer gemeint ist, als es zunächst den Anschein hat. Lukas erzählt von drei Begegnungen, die Jesus mit Menschen hat „als sie auf dem Weg waren“. Es wird deutlich, dass es hier nicht um etwas Fertiges, Abgeschlossenes geht, sondern um ein Unterwegs-Sein. – Dass wir als Christen unterwegs sind, noch nicht fertig, uns manchmal vortasten müssen, das gilt für uns als Gemeinde Jesu gerade jetzt, wenn das tägliche Leben und auch das Gemeindeleben aus Schutz vor der Krankheit und aus Rücksicht auf die besonders gefährdeten Menschen nach und nach zurückgefahren wird. Das fällt uns menschlich schwer, aber auch als Kirche. Als Christen leben wir ja davon, dass wir den Glauben miteinander teilen. Dass wir in Gottesdiensten und unseren Gemeindegruppen zusammenkommen, ist Ausdruck dessen, dass wir letztlich nicht alleine glauben können, sondern auf die Gemeinschaft der Schwestern und Brüder angewiesen sind. Jetzt, wo wir an der Schwelle zu einer sehr stillen Zeit stehen, wird uns das wieder schmerzlich bewusst. In den nächsten Wochen muss diese Gemeinschaft eine andere, eher unsichtbare Form annehmen. Wir wissen noch nicht wie das geht, aber wir hoffen, dass Jesus uns auch dabei hilft, diesen Weg zu gehen.
Letztlich geht es auch in den kommenden Wochen um nichts anderes als sonst: Es geht darum, an Jesus Christus zu glauben, bei ihm zu bleiben. Lasst uns miteinander schauen, in welche Richtung Jesus unsere Herzen in den kommenden stillen Tagen durch das heutige Bibelwort lenken will.

1. Die stillen Tage öffnen uns den Blick auf Jesus.

In der ersten Szene kommt ein Mensch zu Jesus und will ihm nachfolgen. Er sagt: „Ich will dir folgen, wohin du gehst“ (Lk 9,57). Eigentlich würden wir erwarten, dass nach einem derartig freimütigen Wunsch jetzt die herzliche Einladung folgt: Kommt mit! Doch Jesus begegnet ihm mit einem nachdenklichen Wort: „Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege“ (Lk 9,58). Damit fordert uns Jesus auf: Überlege es dir gut, ob du überhaupt in meine Nachfolge treten kannst und willst. Denn der Weg, den ich gehe, ist kein leichter und leuchtender Pfad. Es ist ein Weg, der durch Leiden führen kann. – Zugleich hat dieses Wort aber auch einen Trost für uns. Man könnte fast sagen: Jesus begibt sich in Karantäne. Selbst Füchse und Vögel haben ihren Bau bzw. ihre Nester, aber Jesus selbst hat dieses behagliche Heim nicht. Er ist unbehaust – doch damit ist er gerade den Unbehausten nahe! Wenn wir jetzt in eine Zeit gehen, die stiller wird, in der die Kontakte zu anderen Menschen eng beschränkt werden, dann haben wir doch einen Herrn, der mitgeht! Es ist, als wolle uns Jesus durch das Bibelwort sagen: Nehmt auch diese Zeit getrost aus meiner Hand. Auch wenn es zunächst eine Hürde ist. Und so eröffnet sich ein überraschender Blick auf Jesus. Jesus, der nirgends ein festes Haus hat, der keine Ruhe findet, ist ja Jesus auf dem Passionsweg. Aber gerade dieser Jesus gibt letztlich Leben. Denken wir an die Szene am Kreuz: In dem Augenblick, als er stirbt und selber das Leben verliert, verspricht er einem anderen Menschen das Paradies! Wir haben einen wunderbaren Herrn, und es lohnt sich ihm nachfolgen! Wir folgen ihm nach, weil es leicht wäre – das ist es selten – sondern wir folgen ihm nach, weil Er es wert ist! Uns so öffnet sich der Blick auf Jesus.

2. Die stillen Tage helfen uns, an das Wesentliche zu denken.

Der zweite Gesprächspartner, der Jesus nachfolgen will, wird auf den ersten Blick ungewohnt hart vor den Kopf gestoßen. Noch nicht einmal den toten Vater soll er begraben. Jesus erscheint hier auf einmal fremd und schroff. – Es entspricht so gar nicht dem Bild, das die Evangelien sonst von ihm vermitteln: Jesus, der die Beladenen einlädt, der die Kranken heilt, die Armen ruft, die Müden und Verzagten aufrichtet. Wir können sicher sein, dass Jesus gerade Trauernden gut begegnet. Er hat nicht die Absicht zu verletzen. Es geht um etwas anderes: Es geht um die Frage: Was ist jetzt wirklich wichtig? Jesus legt dem Gesprächspartner ans Herz: Überlege, was wirklich im Leben zählt. Natürlich würde Jesus sonst unbedingt dazu raten, dem verstorbenen Vater die letzte Ehre zu erweisen. Aber darüber steht noch die Frage: Auf was kommt es wirklich an im Leben?
Die Ankündigung der Regierung, dass ab Montag alle Geschäfte schließen, die Gasthäuser nur bis 15 Uhr geöffnet sein dürfen, hat wohl Freitag und Samstag zu teils übervollen Kaufhäusern geführt. Aber auf der anderen Seite wurde auch deutlich: Apotheken und Lebensmittelgeschäfte bleiben offen. Warum? Weil es hier um die Grundbedürfnisse von uns Menschen geht: die Medizin und das tägliche Brot. Wir können auf vieles verzichten, aber darauf nicht. Und sogar das gilt nicht absolut, denn Jesus sagt bekanntlich auch: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort Gottes“ (Lk 4,4). Die stillen Tage, an denen wir nicht wie gewohnt einkaufen können, lehren uns, wieder zum Wesentlichen zurückzukehren. Es gibt vieles, was wir eigentlich gar nicht brauchen. Und manches, das wir brauchen, wie das Wort Gottes, vernachlässigen wir. So bietet die Krise zugleich eine Chance, wieder zum Wesentlichen zurückzukehren.

3. Die stillen Tage lehren uns, das Ziel ins Auge zu fassen.

Auch das dritte Beispiel lesen wir leicht mit einem etwas zwiespältigen Gefühl. Denn auch der dritte Gesprächspartner kommt zu Jesus mit einem Anliegen, das jeder, der eine gute Kinderstube hat, teilen sollte. „Herr, ich will dir nachfolgen, aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind“ (Lk 9,61). Verständlich. Es ist ein Grundregel der Höflichkeit, dass Haus nicht ohne Gruß zu verlassen. Gerade in Österreich legen wir Wert auf gute und höfliche Umgangsformen. Der Gruß hat ja sogar eine geistliche Dimension. Der Gruß ist mit einem Segenswunsch verbunden. Gerade im Dialekt hat sich diese Bedeutung erhalten. Wenn der Steirer sagt: "Pfiat di!", dann heißt das: "Behüt dich Gott!" Und gerade auf diesen Gruß soll der Nachfolger Jesu verzichten?!
Wieder müssen wir uns klar machen, dass dieses Wort nicht historisch zu verstehen ist, sondern als nachdrücklicher Weckruf an uns: Die Nachfolge Jesu erfordert eine bestimmte Blickrichtung, nämlich nach vorne. Es geht darum, auf Jesus blicken. „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ (Lk 9,62). Dieses Bildwort möchte natürlich keineswegs darüber ein Urteil fällen, wer geeignet und wer weniger geeignet zur Nachfolge ist. Das Bild aus der Landwirtschaft leuchtete dem Menschen der damaligen Zeit unmittelbar ein. Wer ein Feld pflügt, der muss nach vorne schauen, damit die Furche gerade wird. Es bringt nichts, zurückzuschauen.
Auch das spricht in unsere Situation hinein. Wir können uns ärgern, dass wir das Gemeindeleben so herunterfahren müssen, aber es bringt nichts, denn die Entscheidungen der Politik machen ja Sinn, weil sie Menschen bestmöglich schützen möchten. Wir haben also mit der Situation umzugehen und versuchen, das Beste daraus zu machen.

In meiner ersten Gemeinde in Deutschland lebte ein älteres Ehepaar, deren Heimat die Bukowina war. Die Frau sprach Wienerisch. Der Mann hatte Latein gelernt, und rezitierte bei jeder Begegnung immer einen lateinischen Spruch. Seine erste Frage an mich war immer, ob ich die Bukowina kenne. Das war seine Heimat, an der er hing. Er war an Alzheimer erkrankt. Seine Frau erzählte mir, dass er jede Nacht den Koffer packte, um in die Bukowina zu reisen. Anfangs habe sie versucht ihn davon abzuhalten. Aber dann lernte sie, mit seiner Krankheit umzugehen. Sie ließ ihn den Koffer packen, und jeden Morgen, wenn er schlief, packte sie die Bücher und seine Kleider wieder an den Ort. Wenn er fragte: Sind wir daheim?, antwortete sie geduldig: Ja, wir sind daheim! Sie starb dann bald nach ihrem Mann nach kurzer Krankheit in Frieden. Der Blick nach vorne, auf Christus hin, hatte ihr geholfen, mit der schweren Krankheit ihres Mannes umzugehen. Mich hat das seinerzeit sehr beeindruckt. Sie hat nicht zurückgeschaut auf das, was sie verloren hatte; sie hat jeden Tag aus Gottes Hand angenommen, und das getan, was möglich war. Und so war ihrem Mann nahe, und sie schonte ihre geringer werdenden Kräfte.
Oft braucht es einen Lernprozess, dass wir bei diesem Blick nach vorne bleiben. Vielleicht hilft es auch, wenn wir uns das Bild vom Pflügen direkt vorstellen: Wenn der Bauer mit dem Pflug den Acker bestellt, fährt auf dem Feld ganz durch und wendet dann am Ende; dann geht er zurück, und kann bei der neuen Furche sehen, wie die alte gelungen ist. Anders gesagt: Es gibt also Zeiten der Rückschau, aber diese Zeiten sind insgesamt eingebettet in die Blickrichtung nach vorne auf Christus hin. Mit dieser Blickrichtung gehen wir in der Nachfolge Jesu voran, oder genauer gesagt: Wir gehen ihm hinterher, Schritt für Schritt, bis wir bei ihm am Ziel sind. Auch die kommenden Tage und Woche sind Teil des Weges mit unserm Herrn und zu unserm Herrn! Lasst uns diesen Weg äußerlich getrennt, aber innerlich und im Gebet umso mehr miteinander verbunden, gehen!

Ich schließe mit einem bekannten Wort von Martin Luther, der folgendes über das Leben in der Nachfolge Jesu sagt:
Das christliche Leben ist nicht Frommsein,
sondern ein Frommwerden,
nicht Gesundsein, sondern ein Gesundwerden,
nicht Sein, sondern ein Werden,
nicht Ruhe, sondern eine Übung.
Wir sind´s noch nicht, wir werden´s aber.
Es ist noch nicht getan und geschehen,
es ist aber im Gang und im Schwang.
Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.
(Martin Luther, WA 7,336,31-36)

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

  

 

Mai

3.5.        Frohnleiten                 
             Pfr. Johannes Erlbruch

10.5.      Peggau                               
             Pfr. Johannes Erlbruch

17.5.      Tauferinnerungsfest 
             Peggau *
            
Pfr. Johannes Erlbruch 

24.5.      Judendorf                       
             Lekt. Johann Jantscher

31.5.      Pfingstsonntag 
              Konfirmation

             Peggau             
             Pfr. Johannes Erlbruch

Juni

1.6.        10.30 Pfingstmontag
              Gemeindeausflug mit Andacht Gleinalm
              Pfr. Johannes Erlbruch

7.6.         Frohnleiten                                                  
              Pfr. Johannes Erlbruch

14.6.       Peggau *                                                         
              Pfr. Johannes Erlbruch