Die Michaelskirche in 8101 Gratkorn, Kirchweg 13
(eine Google-Maps-Karte findet man am Ende dieser Seite!)

Sag zum Abschied leise Servus…

Um 1960 wurde sie mit viel Liebe gebaut, die Gratkorner Michaelskirche. In der Papierfabrik waren damals viele Menschen evangelischen Glaubens tätig und der Gottesdienstbesuch in räumlicher Nähe zu ihrem Wohn- und Arbeitsplatz war ihnen wichtig. So leistete die kleine Kirche lange Zeit hindurch wertvolle Dienste bei Taufen, Hochzeiten, Begräbnissen und Gottesdiensten.

In den letzten Jahren allerdings hatte sich die Lage zunehmend verändert. Einerseits durch einen Wandel in der Zusammensetzung der Bevölkerung und andrerseits durch die Tatsache, dass Entfernungen heutzutage eine immer geringere Rolle spielen, gewann die großartig renovierte Heiliggeistkirche in Judendorf mehr und mehr an Bedeutung, während die Kirche in Gratkorn kaum mehr genutzt wurde. Auf Empfehlung des Superintendentialausschusses entschloss man sich daher, die Gratkorner Kirche als Gottesdienststätte aufzugeben und zu verkaufen. Wirtschaftliche Überlegungen spielten dabei natürlich mit eine Rolle: Die Erhaltung von vier Kirchengebäuden (Frohnleiten, Peggau, Judendorf und Gratkorn) ist auf Dauer von einer rund tausend Mitglieder zählenden Pfarrgemeinde nicht zu leisten.

Zum Abschiedsgottesdienst am heurigen Gründonnerstag versammelten sich noch einmal ganz viele Menschen in der Michaelskirche. Gemeinsam mit Kuratorin Pfingstl gestaltete Pfarrer Liebeg ein berührendes Abschiedsritual zur „Entwidmung“ des Gotteshauses. Feierlich wurden die verschiedenen sakralen Gegenstände (Altarbibel, Kerzen, Abendmahlsgeräte…) unter Gebet und Gesang aus der Kirche getragen.

In der vorangehenden Predigt über ein Abschiedswort Jesu aus dem 16. Kapitel des Johannesevangeliums konnte ich auch einige Menschen erwähnen, die mit der Geschichte dieser Kirche in besonderer Weise verbunden waren und die extra zu diesem Anlass noch einmal nach Gratkorn gekommen waren. Den Gottesdienst feierte auch Frau Hildegard Papst mit, die das Gebäude gekauft hat und demnächst in ein Wohnhaus umwandeln wird. So begegneten einander an diesem Abend Vergangenheit und Zukunft.

Nach dem Auszug aus der Kirche wurde die Tür symbolisch verschlossen. Bei untergehender Sonne stimmte in der Abenddämmerung der Organist Walter Rainwald spontan noch den Kanon: „Lobet und preiset ihr Völker den Herrn“ an. Ein wirklich bewegender Moment und ein würdiger Abschluss für gut ein halbes Jahrhundert evangelischer Kirchen-geschichte in Gratkorn.

Superintendent Mag. Hermann Miklas

 

 

Beiträgen aus der „Neuen Zeit“ vom 30. 11. und 13. 12. 1960 und der „Südost-Tagespost“ vom 13. 12. 1960 können wir entnehmen, dass wegen des Werksausbaus der Papierfabrik Leykam-Josefsthal die Baracke, in der seit 1900 der evangelische Gottesdienst abgehalten wurde, abgerissen werden musste. Die Pfarrgemeinde Peggau entschloss sich daher 1959 zum Bau eines eigenen Gotteshauses für die damals 400 in Gratkorn und Umgebung lebenden Protestanten.